Alle Beiträge und Antworten
carapapa - 27.01.2007, 14:38
Schmerzen, Ausschlag, Fieber
SANTO DOMINGO. Der Koffer landet wieder auf dem Dachboden, die Sonnenbrille in der Schublade, der Reiseführer im Regal: Der Urlaub ist vorbei. Doch gefährliche Andenken wie Tuberkulose, Malaria oder Typhus können die Erinnerungen an puderweiße Strände noch lange trüben. Auch die 22-jährige Nadja Schnürch hat die Schattenseiten der Reiselust zu spüren bekommen. Draußen Hitze, innen Fieber. Es ist einer dieser Sommertage, in denen die Stadt vor sich hin döst, wie ein rostiger Tanker, der auf eine Sandbank gelaufen ist. Wie immer morgens um acht ist der Ventilator ausgefallen, weil wie immer morgens um acht der Strom weg ist.Nadja Schnürch liegt völlig erschöpft in ihrem 15-Quadratmeter-Zimmer in Santo Domingo und schwitzt und das Bettlaken klebt an ihrer Haut - nicht wegen der feuchten Luft, nicht wegen der Temperatur, mit der sich die 2-Millionen-Einwohner-Metropole aufgeladen hat: Das Fieber hat inzwischen 40 Grad erreicht.Ein halbes Jahr zuvor sitzt die 22-Jährige in ihrem Zimmer in Osnabrück und schickt ihren Lebenslauf per E-Mail an das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in die Dominikanische Republik. Aufgewachsen ist die junge Frau in Bad Langensalza, jetzt studiert sie in der drittgrößten Stadt Niedersachsens Politik und Soziologie - auf Bachelor, was nichts anderes heißt als seine Semester wie einen Businessplan zu organisieren. "Um mich nach dem Studium von anderen Bewerbern abzuheben, wollte ich noch ein Auslandspraktikum machen."Weil sie sich für Lateinamerika interessiert, versucht sie es natürlich auch in Santo Domingo. Seit in den 60er-Jahren an den weißen Stränden im Osten des Landes die ersten Hotelburgen in den Sand gesetzt wurden, hat sich die Dominikanische Republik, die Reiseprofis "DomRep" nennen, zum Mallorca der Karibik entwickelt. Jährlich kommen um die drei Millionen Touristen hierher. Der Großteil verbringt seinen Urlaub im Norden und Osten, wo jeder Fremde an einem neonfarbenen Bändchen am Handgelenk zu erkennen ist, das ihn als All-inclusive-Gast eines Hotels mit Pool, Restaurants und Strand ausweist.1492 hatte Kolumbus die Insel entdeckt und bekam den Auftrag, in dem gesegneten Land eine Stadt zu gründen. Das tat dann sein Bruder, Bartolomeus, am 5. August 1498, im Süden, an der Mündung des Ozama. Es war ein Sonntag (Domingo) und deshalb, so die Legende, bekam die Stadt ihren Namen. Heute zehrt sie von altem Ruhm und träumt von neuem Glanz.Als die Studentin die Zusage für das Praktikum bekommt, bucht sie einen Flug und landet Ende Juli auf dem Las Américas Airport. Dass die Matratzen der Krankenhausbetten hygienehalber in Plastikfolie eingeschweißt werden, weiß sie da noch nicht.Einen Monat danach kommt das Fieber. Die Kopfschmerzen sind unerträglich. Der Hautausschlag wird immer schlimmer. "Ich habe in meinem Zimmer gelegen und einfach nur gehofft, dass es endlich besser wird", so erinnert sich Nadja Schnürch und dass es nach drei Tagen schließlich auch besser wurde. Doch am fünften Tag kamen die Symptome zurück. Sie wird ins Krankenhaus eingeliefert. Diagnose: Dengue-Fieber. Nach etlichen Blut-Tests, Infusionen und einer Woche auf eingeschweißten Matratzen ist der Karibik-Albtraum ausgestanden.Von 100 000 Menschen, die in Risikogebiete reisen, erwischt das Dengue-Fieber laut Robert-Koch-Institut nur vier. "Es gibt Krankheiten, die kommen häufig vor, sind aber kaum gefährlich. Und es gibt Krankheiten, die sind äußerst selten, können aber tödlich enden", konstatiert Hans Dieter Nothdurft, Reisemediziner an der Universität München. Wie Malaria wird auch das sogenannte Siebentagefieber von Moskitos verbreitet. Die Aedes-Mücke fliegt heimtückisch ohne Summen und Surren, sticht und saugt bei Tag und bei Nacht. Der Erreger, den sie überträgt, ist winzig: Er würde in einen Millimeter 10 000 Mal hineinpassen. Nach dem Stich vermehrt sich das Virus in den Lymphknoten, verbreitet sich von dort in andere Gewebe, vor allem in die Haut. Die Beschwerden setzen meist nach fünf bis acht Tagen ein, innere Blutungen sind möglich. Weil Patienten unterschiedlich reagieren, wird das Tropenfieber häufig mit Masern oder Grippe verwechselt.Aber wer schwer krank von einer Reise zurückkehrt, hat meist nicht nur Pech gehabt, sagen Experten. Viele Urlauber vergessen dringend empfohlene Impfungen oder informieren sich nicht ausreichend. Laut Thüringer Gesundheitsministerium geht die Zahl der Betroffenen jedoch immer weiter zurück: 127 Menschen trübten ungewollte Mitbringsel im Jahr 2004 die sonnige Erinnerung, 2005 waren es 113, 2006 tauchten nur noch 94 Fälle auf. Die meisten von ihnen kämpften dabei mit Durchfällen, Bauchkrämpfen und Fieber - der Grund dafür sind meist Salmonellen (35 Fälle) oder sogenannte Shigella-Bakterien (40 Fälle).Gegen Dengue-Fieber gibt es keine Spritze. Tropenmediziner empfehlen, Haut und Kleidung auch tagsüber mit mückenabweisenden Mitteln einzureiben, stets unter einem Moskitonetz oder nur in Räumen mit Klimaanlage zu schlafen. Das klingt simpel. "Doch solche Ratschläge sind im Alltag - und vor allem über einen längeren Zeitraum hinweg - nicht umsetzbar", meint die Studentin Nadja Schnürch. Nach WHO-Schätzungen erkranken jährlich weltweit rund 50 Millionen Menschen an Degue-Fieber. Ob sich Krankheiten wie diese durch den Klimawandel nun auch in westlichen Ländern ausbreiten könnten, das wird heiß diskutiert und bleibt umstritten. Im Gegensatz zu vielen anderen Erkrankungen werden auch Menschen, die das Dengue-Fieber überstanden haben, gegen das Virus nicht immun. Das bedeutet, dass man sich durchaus ein zweites Mal mit dem Virus infizieren kann. Und diese Zweitinfektion verläuft meist gravierender - zuweilen auch tödlich.In ein paar Wochen macht sich Nadja Schnürch wieder ins Ausland auf. Diesmal nach Schweden. Von Michael WASNER
(Quelle: Thueringer Allgemeine vom Samstag, 27. Januar 2007)
Mit folgendem Code, können Sie den Beitrag ganz bequem auf ihrer Homepage verlinken