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Nightwish - 20.12.2006, 15:56
[Serie] Die Geschichte des einsamen Leipzigers
Die Geschichte des einsamen Leipzigers

[Teil 1 – Pessi Messi]


Vor einiger Zeit gab es einen kleinen Jungen, der in Dunkeldeutschland seit mehreren Monaten auf der Straße lebte. Aufgrund seiner offensichtlichen Verbittertheit gegen alle Menschen und seine Einstellung zur Welt tauften ihn die anderen Straßenkinder seit längerer Zeit „Pessi“.

Pessi war zu dieser Zeit etwa 14 Jahre alt, ca. 1,65 Meter groß, hatte schulterlange, schwarze Haare und war dürr wie ein Skelett, sodass man meinen konnte, ihn aus 50 Metern Entfernung schon anklappern hören zu können.

Familie hatte er keine, Freunde schon gar nicht und das tägliche Brot holte er sich aus der Leipziger Suppenküche. Dusche und Zahnbürste hatte er auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.

Es war ein Kampf auf Leipzigs Straßen, jeden Tag und jede Nacht, wenn es darum ging, Passanten nach einem Groschen zu fragen. Ja, diese gemeinen Menschen hatten nicht mal für Straßenkinder etwas übrig.

Heute war der 13. Dezember 1999, es waren 2° und in der Leipziger Innenstadt tummelten sich die Menschen. Weihnachtseinkäufe, Weihnachtsmarktbesuche – die ganze Stadt im hysterischen Weihnachtsfieber. Aber eine Sache war heute neben den nervigen Leuten, die alle das Geld buchstäblich zum Fenster hinaus schmissen, positiv: Die Touristenmassen, die alle den weltbekannten Weihnachtsmarkt besuchten, wurden immer größer. Touristen waren eine feine Sache für die Leipziger Straßenkinder, denn die ganzen fotogeilen Japaner ließen nicht selten einen Groschen oder sogar mehr springen. Besonders für Pessi, denn er wusste genau, wie man diese Menschen erweichen konnte.

Pessi saß mit seiner alten, schmutzigen Decke fernab des Weihnachtsmarktes, etwa 50 Meter vor dem Eingang auf dem kalten Kopfsteinpflaster und zündete sich einen Zigarettenstummel an, den er sich aus dem Aschenbecher vor einem großen Warenhaus genommen hatte. Beim Rauchen musste Pessi immer aufpassen, denn das Leipziger Ordnungsamt hatte ihn nicht nur einmal dabei erwischt und ihm seine wertvollen Zigarettenstummel abgenommen.

Heute war in der städtischen Kirche die Weihnachtsmesse, für die reichlich Plakate in der Stadt warben. Pessi hatte sich vorgenommen, diese zu besuchen, um hinterher den Messdienern mal wieder unbemerkt in den Klingelbeutel zu greifen – das lohnte sich eigentlich immer, wenn eine große Messe statt fand. Das sollte für etwas zusätzliches Essen in den nächsten Tagen reichen, denn an diesem Tag kassierte er von dem gutmütigen, japanischen Touristen bereits einige Deutsche Mark, von denen Pessi sich vornahm, später ein Leipziger Allerlei an einem der Weihnachtsmarktstände zu erwerben. Außerdem hing ihm der Fraß aus der Suppenküche einmal mehr zum Halse raus. Heute wollte er sowieso nicht in die Suppenküche gehen, da sich dort der menschliche Abschaum an Weihnachten in übermäßig großem Maße tummelte. Abends schmeckte ein zünftiges Leipziger Allerlei besonders gut, wenn dessen Wärme die innere Kälte etwas bekämpfte.

Gerade als er sich die Hände rieb, um sich ein wenig aufzuwärmen, tauchte aus der Nebenstraße sein Erzfeind auf. Sein Name war Zoran, ein Halbpole, der mit seinen 16 Jahren schon wie ein Bodybuilder aussah und seine Kräfte auch einzusetzen wusste. Zoran war mit Pessi schon oft aneinander geraten, da Pessi einfach viel mehr Charme hatte und Zoran genau wusste, dass er zumindest geistig seinem Erzfeind maßlos unterlegen war. Pessi wusste einfach bessere Methoden, Passanten & Touristen zu einer milden Gabe zu bewegen.

Zoran war unüblicherweise alleine; sonst tauchte er meist mit seinen andern Kollegen auf, die ihn nicht selten vermöbeln wollten. Doch bisher kam es erst einmal soweit, da Pessi durch seine mehr als zierliche Figur einfach schneller war als der übergewichtige Zoran und seine Freunde – wie die trotz Straßenkinderdaseins so fett sein konnten, fragte sich Pessi eigentlich stetig. Zoran marschierte gradewegs auf Pessi zu, der seine Augen etwas in seine Richtung lenkte. „Na Pessi, wie läuft das Betteln?“, fragte Zoran merkwürdigerweise sehr freundlich. „Prima, wenn das noch 69 Jahre, 241 Tage und 52 Minuten so weiter geht wie heute, dann bin ich Millionär!“, antwortete Pessi, dessen Rechenkünste wirklich beeindruckend waren. Überhaupt war Pessi einer der besten Schüler zu seiner Zeit, als er die Schule noch besuchte.

„Wie ich hörte, willst du nachher mal wieder dein jährliches Klingelbeutelspielchen spielen?“. „Und?“, fragte Pessi. „Was hälst du davon, wenn ich dem Pastor das mal stecke?“, meinte Zoran und legte ein arrogantes Grinsen auf. Pessi überlegte kurz, antwortete dann aber gezielt: „Was hälst du davon, wenn ich deinen Freunden mal erzähle, dass du früher angeschafft hast?“ Pessi wusste dies, da er ihn dabei vor einiger Zeit mal beobachtete, Zoran dies aber nicht wusste. „Äh, okay Kumpel, wir sehen uns dann später vielleicht!“, ließ Zoran stotternd verlauten.

Prompt als Zoran sich von Pessi abwandte, musste Pessi schmunzeln und murmelte vor sich hin: „Tja, wo gehobelt, fallen Späne.“ Obgleich er niemals gewagt hätte, Zorans Freunden die Wahrheit zu erzählen. Ganz einfach, weil es für ihn auf der Straße auch Gesetze gab – und eines davon hieß, dass man die Kollegen von der Straße niemals anschmierte. Ganz gleich, ob Zoran der größte Idiot war, der sich auf Leipzigs Straßen tummelte.

Mittlerweile war es kurz vor 18 Uhr und Pessi packte seine Decke in seinen vermoderten Rucksack, seine Handschuhe und seinen Ersatz-Pullover ebenfalls. Er machte sich auf in Richtung Kirche, denn diese Gelegenheit, die sich nur wenige Male im Jahr ergab, durfte er sich einfach niemals entgehen lassen. Vor der Stadtkirche war schon ein riesiger Menschenmob, die nur darauf warteten, die begehrte Kirche mal von innen zu sehen. Zum Großteil wieder diese schaulustigen Touristen, aber es waren auch bekannte Menschen dabei, die Pessi hin und wieder einmal mit einem Groschen oder einem warmen Brötchen aus der Bäckerei aushalfen. Diesen lächelte er freundlich zu, ging aber keine Diskussion ein.

Wenn die Menschen gewusst hätten, dass Pessi unter seinem alten Pulli ein T-Shirt mit einem Pentagramm darauf trug, dann hätten sie es sich wohl drei Mal überlegt, ob sie ihm noch einmal über die Runden helfen würden. Falls seine Straßentage jemals gezählt sein sollten, nahm sich Pessi schon einen Widerstand gegen die Kirche vor. Doch jetzt konnte er kein Kirchenverbot riskieren, war diese doch wirklich die beste Einnahmequelle, die man sich als Straßenkind nur wünschen konnte.

18 Uhr – die Menschenmassen drängten sich durch das große Kirchentor, welches sich gerade quietschend geöffnet hatte. Pessi stellte sich geduldig hinten an, denn er wusste, dass gleich sowieso die meisten Menschen im Foyer stehen bleiben würden, um den Innenbau geistesgegenwärtig zu fotografieren. Genau diesen Moment nutzte er aus, um sich einen Platz auf der letzten Bank zu sichern. Hier war es schon mal etwas wärmer, sodass er sich nicht ärgern musste, in ein Gebäude zu gehen, dass ihm sonst ein Greul war.

Die Weihnachtsmesse dauerte in etwa eine Stunde, viel Gedudel aus der Kirchenorgel musste man auch ertragen. Doch Pessi stellte sich einfach ein paar Klänge dazu vor, die es ihm angenehm erschienen ließen. „Wie es wohl klingen würde, wenn Metallica mal Bach covern würde?“, fragte sich Pessi. Als er dies gerade versuchte, gedanklich unter einen Hut zu bringen, entdeckte er einige Reihen vorher Zoran und ein paar seiner Freunde, die gerade mit der Masse aufgestanden waren, um gemeinsam das „Vater Unser“ zu beten. Pessi war wohl der einzige Mensch, der noch auf der Bank saß, musste sich der Masse jedoch beugen, als ihn verbissene Blicke von allen Seiten anschauten. Zähneknirschend stand Pessi auf, faltete aber nicht die Hände wie die anderen Leute in der Kirche, sondern ballte eine Faust und streckte den Zeigefinger und den Kleinen Finger heraus, was sich in satanischen Fachkreisen auch „Pommesgabel“ nannte. Diese verdeckte er jedoch, damit es nicht auffiel – Hauptsache, er musste nicht wirklich beten.

Die Messe war zuende und Pessi überlegte kurz, wie er aus dem Klingelbeutel Kapital schlagen konnte, aber zeitlich einer Begegnung mit Zoran und seinen Freunden aus dem Weg gehen könnte. Denn er vermutete, dass sie ihn nach seinem Beutezug abfangen könnten und ihm die Kohle abknöpfen würden. Also stellte sich Pessi in die Mitte der Schlange, die langsam nach draußen schritt, während Zoran und seine Anhängerschaft ziemlich am Ende der Schlange gemächlich der Masse hinterher nach vorne ging. Ob sie ihn gesehen haben, wusste Pessi nicht. Durch die Mitte der Schlange hatte er wohl die beste Möglichkeit, Geld zu stehlen und seiner Feindschaft am Ende der Schlange zeitgleich aus dem Wege zu gehen.

Die Schlange wurde kürzer und Pessi staunte nicht schlecht, als er sah, dass sogar reichlich Scheine in den Klingelbeutel des Messdienermädchens geworfen wurden. Vorsichtig zog er einen Groschen aus seiner Hosentasche, um ein wenig Tarnung zu bewahren. Noch drei Leute waren vor ihm, die insgesamt über 20 Mark für die Kirche springen ließen. Nun war er an der Reihe. Er zückte das 10 Pfennig-Stück, ließ seine Hand etwas tiefer in den Beutel gleiten und ließ es hörbar fallen, zog aber währenddessen einige Geldscheine mit Daumen und Mittelfinger aus dem Klingelbeutel und ließ diese in seiner Faust verschwinden, bevor er seine Hand wieder aus dem Beutel zog. Freundlich lächelte ihn die Messdienerin mit einem „Dankeschön“ an und Pessi lächelte zurück: „Immer wieder gern!“.

Doch gerade, als Pessi aus der Tür rennen wollte, um einer möglichen, späteren Aufdeckung seiner Tat aus dem Wege zu gehen, packte ihn jemand an der Schulter. Pessi zuckte zusammen, drehte sich um und schaute direkt zwei von Zorans Anhängern in die Augen...

Fortsetzung folgt...
Eli - 05.02.2007, 02:40

Wann geht's hier weiter?
Nightwish - 05.02.2007, 17:53

Eli hat folgendes geschrieben: Wann geht's hier weiter?

Sobald ich wieder die Zeit und Ruhe finde.

Nightwish macht derzeit etwas Urlaub. Denke aber, dass innerhalb dieser Woche mit dem ein oder anderen Update zu rechnen ist.
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