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kaeru - 11.12.2006, 19:07
Rabbinerin Regina Jonas - eine Biografie
Das Leben und Schicksal der weltweit ersten Rabbinerin, der Berlinerin Regina Jonas, blieb bis heute ein Mythos und war lange Zeit vergessen. Ihr faszinierender und pionierhafter Lebensweg wurde nun erstmals von der Berliner Journalistin Elisa Klapheck, der Chefredakteurin der Zeitschrift "Jüdisches Berlin" und Organisatorin der Berliner Tagung europäischer Rabbinerinnen, Kantorinnen und rabbinisch gelehrter Jüdinnen und Juden "Bet Debora" ausführlich beschrieben.

Regina Jonas stammte aus einer sehr armen Berliner Familie und verlor früh ihren Vater. Sie war eine konservative Persönlichkeit und keineswegs eine Feministin. Sie hielt nichts von der Gleichheit, nur von der Gleichberechtigung der Geschlechter, sympathisierte weder mit dem Reformjudentum noch mit der Aufhebung der Mehiza, der Trennung der Geschlechter in den Synagogen.

Von früher Jugend an erfüllte sie, wie Kalpheck schreibt, ein grenzenloser Enthusiasmus für alles, "das mit dem Judentum zu tun hatte". Daraus entwickelte sich schon bald ihr explizit geäußerter Berufswunsch, eine Rabbinerin zu werden. Nach der Reifeprüfung ließ sich Jonas zur Religionslehrerin ausbilden, unterrichtete an der Reliogionsschule Annenstraße und studierte an der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. Sie bekundete ihre Absicht, nach dem Ende des Studiums die Rabbinatsprüfung abzulegen. Der dafür zuständige Talmudprofessor Eduard Baneth hegte keine Einwände gegen die Ordination von Frauen. Dennoch bleibt es Spekulation, ob er Jonas tatsächlich ordiniert hätte, denn er starb kurz vor ihrer Zulassung zur mündlichen Prüfung im Jahr 1930. Sein Nachfolger Chanoch Albeck lehnte Jonas' Ordination ab.

Baneth ließ Jonas auch die Abschlußarbeit zum Thema "Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?" schreiben, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in ihrer letzten Fassung erhalten hat. Die 88 Seiten lange Abhandlung ist laut Klapheck eine Streitschrift, die sich keiner liberalen Argumente bedient, sondern das weibliche Rabbineramt von der Halacha ausgehend zu begründen versucht, wobei selbst die neueren amerikanischen Responsen nicht über diese Schrift hinauszugehen vermochten: "Diese Arbeit blieb nicht nur der historisch erste, sondern auch der umfassendste Versuch, das weibliche Rabbinat aus der Tradition des Judentums heraus zu begründen." Nur an einer Stelle kam Jonas auch auf die modernen soziologischen Umstände zu sprechen, die die Einführung des Amtes der Rabbinerin unumgänglich machten: "So wie Ärztin und Lehrerin heute vom psychologischen Standpunkt mit der Zeit eine Notwendigkeit geworden ist, so auch die Rabbinerin. Gar manche Dinge, die der Mann auf der Kanzel und sonst bei der Jugend nicht sagen kann, kann sie… Die Welt besteht nun einmal durch G'tt aus zwei Geschlechtern und kann nicht auf die Dauer nur von einem Geschlecht gefördert werden."

1935 erklärte sich der Offenbacher Rabbiner Max Dienemann bereit, Jonas im Auftrag des Liberalen Rabbiner-Verbandes, dessen Geschäftsführer er war, nach einer mündlichen Prüfung zu ordinieren. Im Rabbinerdiplom bezeugte er, daß Jonas "fähig ist, Fragen des Religionsgesetzes (der Halacha) zu beantworten und daß sie dazu geeignet ist, das rabbinische Amt zu bekleiden." Leo Baeck, der Jonas intern immer unterstützt hatte, nannte sie in seinem Glückwunschschreiben "Liebes Fräulein Kollegin!"

Jonas hielt fortan Vorträge im Trausaal der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße, gestaltete den Oneg Schabbat und wurde für die "rabbinisch-seelsorgerische Betreuung in den Sozialstationen der Gemeinde" eingesetzt. Aber die Kanzeln der Neuen Synagoge wie die aller anderen großen liberalen Berliner Synagogen blieben ihr ebenso verwehrt wie sie niemals mit religionsgesetzlichen Handlungen wie Trauungen oder Scheidungen betraut wurde. Sie war eine begabte Predigerin und trug bei den G'ttesdiensten Talar und Barett. Klapheck schrieb über sie: "Mit Leib und Seele identifizierte sich Jonas jedoch mit den Aufgaben des Rabbiners – als Prediger, Seelsorger, als Rechtsgelehrter, der religionsgesetzliche Entscheidungen treffen muß, und als Lehrer seiner Religion."

Spekulation bleibt, ob die Berliner Gemeinde Jonas auch als Rabbinerin hätte arbeiten lassen, wenn nicht in der NS-Zeit viele Rabbiner emigriert wären, die nicht ersetzbar waren. Jonas selbst dachte keinen Augenblick lang an Auswanderung. Sie wollte ihre Mutter nicht allein in Deutschland zurücklassen und befreundete sich in ihren letzten Lebensjahren mit dem Hamburger Rabbiner Joseph Norden, der wie sie ein Opfer der Schoah wurde. Nach ihrer Deportation nach Theresienstadt 1942 arbeitete sie in dem von Viktor E. Frankl geleiteten Referat für psychische Hygiene und hielt weiterhin religiöse Vorträge. 1944 wurde sie im Alter von 42 Jahren nach Auschwitz deportiert und vergast.



Quelle: HaGalil Internet
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