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manuxenia - 06.09.2004, 07:12
BESONDERHEITEN DER MINNELYRIK
BESONDERHEITEN DER MINNELYRIK

Was haben die Minnesänger Neues in die deutsche Lyrik eingebracht? Nun: Sie entwickelten ein starkes Formbewusstsein und zogen sich eine Zuhörerschar heran, die sich am feinen Spiel der Formen erfreute. Unechte Reime z.B. waren verpönt. Die Lieder waren oft sehr lang, wobei eine in den meisten Fällen dreiteilige Strophe - oft die sogenannte Canzone mit ihrem Schema Stollen, Stollen, Abgesang - den Aufbau bestimmte. Den Refrain, den man heute für so wichtig hält für den Erfolg eines Lieds, gab es nur in Ausnahmefällen - etwa bei Tanhuser. In der Wiederholung des Strophenschemas nach und nach den oft sehr kunstvollen Bau begreifen. Sehr beliebt war zum Beispiel die Aneinanderreihung von Zeilen mit derselben Endung. Hier ein Beispiel von Neidhart:

MAIEN, DEIN HELLER SCHEIN

Meie, dîn liehter schîn
und diu kleinen vogelîn
bringent vröuden vollen schrîn
daz si willekomen sîn
ich bin an den vröuden mîn
mit der werlde kranc.
alle tage ist mîn klage,
von der ich daz beste sage
unde ir holdez herze trage,
daz ich der niht wol behage
von der schulden ich verzage
daz mir nie gelanc.


Maien dein heller Schein
und die kleinen Vögelein,
die aus voller Kehle schrei'n,
sie soll'n mir willkommen sein,
doch bei aller Freude mein
werd' ich noch ganz krank.
Alle Tage bringt mir Klage,
die die ich im Herzen trage,
von der ich nur Gutes sage,
auch wenn ich ihr nicht behage,
spüre, dass ich fast verzage,
weil mir nichts gelang.

(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)

Und so geht es weiter, sechsmal dieselbe Endsilbe ist für einen Minnesänger überhaupt kein Problem, damit füllt er locker seine 10,15 Strophen.

Konrad von Würzburg trieb die künstlerischen Spielereien mit Binnenreimen auf die Spitze. Bei meinen Versuchen, die mittelhochdeutschen Texte ins Hochdeutsche zu übersetzen, gelang es mir ja noch, einen solchen Text zu übersetzen:


DIE LINDE IM WINDE

Jârlanc wil diu linde
vom winde
sich velwen,
diu sich vor dem walde
ze balde
kan selwen.
trûren ûf der heide
mit leide
man üebet:
sús hât mir diu minne
die sinne
betrüebet.


Ach, es wird die Linde
im Winde
sich färben,
und man singt im Walde
schon balde
vom Sterben.
Jetzt, wo selbst die Heide
im Leide
sich übet,
hat mir auch die Minne
die Sinne
betrübet.

(Hochdeutsche Nachdichtung: Lothar Jahn)

Aber Konrad hat es tatsächlich zuwege gebracht, ein Lied zu schreiben, bei dem sich jede, ich wiederhole jede (!) - Silbe im Text auf eine andere reimt und das ganze tatsächlich noch einen Sinn ergibt. Dabei entsteht ein filigranes Mosaik aus Sprache, das uns allerdings auch etwas abstrakt und gewollt erscheint.

wörtliche Übersetzung:

Swâ tac er- schînen sol zwein liuten
die ver- borgen inne liebe stunde müezen tragen,
dâ mac ver- swînen wol ein triuten.
nie der morgen minne- diebe kunde büezen klagen.

er lêret ougen weinen trîben:
sinnen wil er wünne selten borgen.
swer m ret tougen reinen wîben
minnen spil, der künne schelten morgen.


Wo immer der Tag scheinen wird auf zwei Menschen,
die heimlich drinnen eine glückliche Zeit verbringen möchten,
da kann wohl jede Zärtlichkeit aufhören.
Noch niemals konnte der Morgen einen Minnedieb von der Klage heilen.

Er lehrt vielmehr den Augen das Weinen.
Den Sinnen will er niemals Freude bereiten.
Wer immer heimlich edlen Frauen das Liebesspiel mehrt,
hat Grund, den Morgen zu schelten.

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