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Alle Beiträge und Antworten zu "Gedichte"

Re: Gedichte

Hausdrache - 19.10.2006, 19:49
Gedichte
Sodele, hiermit eröffne ich mal einen Gedichte-Strang :D und stelle ein Gedicht ein, das ich schon Vorgestern zum Besten gab. Ein humanistisches (antireligiöses) Gedicht von Theodor Storm, das in fast keiner Ausgabe zu finden ist motz1 :

Neuer Glaube

Größer werden die Menschen nicht.
Doch unter den Menschen
größer und größer wächst
die Welt des Gedankens.
Strengeres fordert jeglicher Tag
von den Lebenden.
Und so sehen es alle,
die zu sehen verstehen:

Aus dem Glauben des Kreuzes
bricht ein andrer hervor;
selbstloser und größer.
Dessen Gebot wird sein:
Edel lebe und schön,
ohne Hoffnung künftigen Seins
und ohne Vergeltung,
nur um der Schönheit des Lebens willen.
(Theodor Storm)

Gruß
Hausdrache

Re: Gedichte

Talley - 20.10.2006, 08:39
Re: Gedichte
Dann präsentiere ich auch das einzige Gedicht, dass ich gänzlich auswendig rezitieren kann. Christian Morgenstern:

Palmström, etwas schon an Jahren
Wird an einer Straßenbeuge
Und von einem Kraftfahrzeuge
Überfahren.

„Wir war,“ spricht er sich erhebend
Und entschlossen weiterlebend
„Möglich, wie dies Unglück, ja,
Dass es überhaupt geschah.“

„Ist die Staatskunst anzuklagen
In Bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?“

„Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
Umzuwandeln. Kurz und schlicht,
Durfte hier der Kutscher nicht?“

Eingehüllt in feuchte Tücher
Prüft er die Gesetzesbücher
Und ist sich ziemlich schnell im Klaren:
Wagen durften dort nicht fahren.

Und er kommt zu dem Ergebnis:
Nur ein Traum war das Erlebnis.
Denn so schließt er messerscharf
Ja nicht sein kann, was nicht sein darf.

Re: Gedichte

Das Tier - 20.10.2006, 15:50
Einmal direkt...
Vergiss es

Also pass auf, wenn ich sterbe, will ich
keine Tränen, sieh nur zu, dass ich
abgeräumt werde, ich hatte ein
erfülltes Leben, und wenn überhaupt einer
eine Startvorgabe hatte, dann ich.
Ich hatte sieben oder acht Leben
in einem. Mehr kann man
nicht wollen.
Am Ende sind wir alle gleich
also bitte keine Reden
es sei denn, du willst sagen:
Er wettete auf Pferde
und darauf verstand er sich
sehr gut.

Du bist nach mir dran, und
ich weiß schon jetzt etwas
das du nicht weißt.
Vielleicht.

Hank Bukowski

Re: Gedichte

Das Tier - 20.10.2006, 15:50
..einmal verwinkelt
Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne und er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süsser den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Paul Celan

Re: Gedichte

Hausdrache - 22.10.2006, 12:39

Mein Lieblingsgedicht von Ringelnatz:

Du weißt nicht mehr wie Blumen duften,
kennst nur die Arbeit und das Schuften-
...so geh'n sie hin die schönsten Jahre,
am Ende liegst Du auf der Bahre
und hinter Dir da grinst der Tod:
Kaputtgerackert - Vollidiot! pillepalle

Re: Gedichte

Das Tier - 22.10.2006, 16:07
Die Worte des Wahns
Drei Worte hört man bedeutungschwer
Im Munde der Guten und Besten,
Sie schallen vergeblich, ihr Klang ist leer,
Sie können nicht helfen und trösten.
Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht,
So lang er die Schatten zu haschen sucht.

So lang er glaubt an die Goldene Zeit,
Wo das Rechte, das Gute wird siegen,
Das Rechte, das Gute führt ewig Streit,
Nie wird der Feind ihm erliegen,
Und erstickst du ihn nicht in den Lüften frei,
Stets wächst ihm die Kraft auf der Erde neu.

So lang er glaubt, daß das buhlende Glück
Sich dem Edeln vereinigen werde,
Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick,
Nicht dem Guten gehöret die Erde.
Er ist ein Fremdling, er wandert aus,
Und suchet ein unvergänglich Haus.

So lang er glaubt, daß dem irdschen Verstand
Die Wahrheit je wird erscheinen,
Ihren Schleier hebt keine sterbliche Hand,
Wir können nur raten und meinen.
Du kerkerst den Geist in ein tönend Wort,
Doch der freie wandelt im Sturme fort.

Drum edle Seele, entreiß dich dem Wahn,
Und den himmlischen Glauben bewahre.
Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn,
Es ist dennoch, das Schöne, das Wahre!
Es ist nicht draußen, da sucht es der Tor,
Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.

Friedrich Schiller

Re: Gedichte

Das Tier - 23.10.2006, 18:29
Die Worte des Glaubens
Drei Worte nenn' ich euch, inhaltschwer,
Sie gehen von Munde zu Munde,
Doch stammen sie nicht von außen her;
Das Herz nur gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist aller Wert geraubt,
Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt.

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd' er in Ketten geboren,
Laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
Nicht den Mißbrauch rasender Toren!
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht,
Vor dem freien Menschen erzittert nicht!

Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Der Mensch kann sie üben im Leben,
Und sollt' er auch straucheln überall,
Er kann nach der göttlichen streben,
Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.

Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt,
Wie auch der menschliche wanke;
Hoch über der Zeit und dem Raume webt
Lebendig der höchste Gedanke,
Und ob alles in ewigem Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.

Die drei Worte bewahret euch, inhaltschwer,
Sie pflanzet von Munde zu Munde,
Und stammen sie gleich nicht von außen her,
Euer Innres gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist nimmer sein Wert geraubt,
So lang er noch an die drei Worte glaubt.



Nachtrag: Die "drei Worte des Wahns" waren die Antwort auf dieses Gedicht.

Re: Gedichte

Seelchen - 23.10.2006, 19:20
Hund und Katze
Miezel, eine schlaue Katze,
Molly, ein begabter Hund,
wohnhaft an demselben Platze,
hassten sich aus Herzensgrund.

Schon der Ausdruck ihrer Mienen,
bei gesträubter Haarfrisur,
zeigt es deutlich, zwischen ihnen
ist von Liebe keine Spur.

Doch wenn Miezel in dem Baume,
wo sie meistens hin entwich,
friedlich dasitzt, wie im Traume,
dann ist Molly ausser sich.

Beide lebten in der Scheune,
die gefüllt mit frischem Heu.
Alle beide hatten Kleine,
Molly zwei und Miezel drei.

Einst zur Jagd ging Miezel wieder
auf das Feld. Da macht es bumm.
Der Herr Förster schoß sie nieder,
ihre Lebenszeit ist um.

Oh wie jämmerlich miauen
die drei Kinderchen daheim.
Molly eilt sie zu beschauen,
und ihr Herz geht aus dem Leim.

Und sie trägt sie kurz entschlossen
uu der eignen Lagerstatt,
wo sie nunmehr fünf Genossen
an der Brust zu Gaste hat.

Mensch mit traurigem Gesichte,
sprich nicht nur von Leid und Streit.
Selbst in Brehms Naturgeschichte
findet sich Barmherzigkeit.

Wilhelm Busch

Re: Gedichte

Seelchen - 23.10.2006, 19:43
Nachtgedanken
Mein Lieblingsgedicht....

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht,
ich kann nicht mehr die Augen schließen,
und meine heißen Tränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn,
seit ich die Mutter nicht gesehn,
zwölf Jahre sind schon hingegangen,
es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst,
die alte Frau hat mich behext,
ich denke immer an die alte,
die alte Frau, die Gott erhalte.

Die alte Frau hat mich so lieb,
und in den Briefen, die sie schrieb,
seh ich, wie ihre Hand gezittert,
wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn,
zwölf Jahre flossen hin,
zwölf lange Jahre sind verflossen,
seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
es ist ein kerngesundes Land,
mit seinen Eichen, seinen Linden,
werd ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
wenn dort nicht die Mutter wär,
das Vaterland wird nie verderben,
jedoch die alte Frau kann sterben.

Seit ich das Land verlassen hab,
so viele sanken dort ins Grab,
die ich geliebt, wenn ich sie zähle,
so will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich, mit der Zahl
schwillt immer höher meine Qual,
mir ist, als wälzten sich die Leichen
auf meine Brust, aber gottlob, sie weichen.

Gottlob, durch meine Fenster bricht
französisch heitres Tageslicht,
es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Heinrich Heine

Re: Gedichte

sünnerklaas - 23.10.2006, 23:12

Du träumst von einer besseren Welt?
Bis jung und du denkst, sie liegt Dir zu Füßen?
Du lernst und lernst
und nichts ist es wert?
Doch: Du lernst ein's:
Ist egal, was Du machst -
es ist immer verkehrt!

Du wirst geboren,
kannst nicht gehen und laufen,
kannst nichts sagen doch etwas spür'n:
dass die Leut etwas über Dich sagen...
Ganz der Papa, ganz die Mama, doch wenn's drauf ankommt,
merkst Du schon, knapp neugeboren:
Es ist egal, was Du machst -
Es ist immer verkehrt!

Du lernst lieben, Du lernst kennen,
das weibliche Geschlecht.
Du lernst spüren
die Nähe eines Menschen
doch liebt der andere Dich?
Du möchtest es beweisen,
den anderen spüren lassen.
Doch spürt er dies?
Nein, du hast Dich verrannt,
bist unglücklich verliebt.
Sie sagt Dir, sie liebt den Ali . und sagt zu Dir:
'Ist egal, was Du machst -
es ist immer verkehrt'.

Und so treibt es Dich
in die hohe Politik,
man wählt Dich, man erwartet,
dass Du etwas tust.
Doch Deine Frau
und Deine Partei lassen Dich gleich fühlen:
ist egal, was Du machst,
es ist immer verkehrt.

Lässt Dich aufstellen,
die Leute wollen Dich führen,
doch der Führer der Leut'
bist Du.
Und merkst sehr schnell - so einfach ist Politik doch nicht
Du sehnst Dich nach Politik und gutem Leben,
möchtest Familie haben und sein frei.
Aber mit eins Deine Frau ruft,
sie möchte frei sein - mit ihren Kindern und zahlen dafür seist Du!

Doch in Speyer . beim Kammergericht mit einem,
fragt der Kaiser
worin der Streit nur beruht.
Da antwortet einer
aus den letzten Reuhen
es wäre egal, was passiere, es wäre immer verkehrt.

...leider kenne ich den Autor nicht - ist aber ein Gedicht, dass, so denke ich, vielen hier aus dem Herzen spricht :mrgreen:

Re: Gedichte

Talley - 24.10.2006, 08:43
Wunderschön
Ehrlich gesagt, ich hätte icht gedacht, dass der Gedichtsstrang so schön wird. Danke an alle und besonderen Dank an Jadziza für den Heine und den Busch, den ich noch gar nicht kannte.

Hier der etwas gekürzte, aber trotzdem noch lange Beginn der gereimten Geschichte "Balduin Bählam oder der verhinderte Dichter", auch von Wilhelm Busch.

Wie wohl ist dem, der dann und wann
Sich etwas Schönes dichten kann!
Der Mensch, durchtrieben und gescheit,
Bemerkte schon seit alter Zeit,
Daß ihm hienieden allerlei
Verdrießlich und zuwider sei.
Die Freude flieht auf allen Wegen;
Der Ärger kommt uns gern entgegen.
Gar mancher schleicht betrübt umher;
Sein Knopfloch ist so öd und leer.
Für manchen hat ein Mädchen Reiz,
Nur bleibt die Liebe seinerseits.
Doch gibt's noch mehr Verdrießlichkeiten.
Zum Beispiel läßt sich nicht bestreiten:
Die Sorge, wie man Nahrung findet,
Ist häufig nicht so unbegründet.
Kommt einer dann und fragt: »Wie geht's?«
Steht man gewöhnlich oder stets
Gewissermaßen peinlich da,
Indem man spricht: »Nun, so lala!«
Und nur der Heuchler lacht vergnüglich
Und gibt zur Antwort: »Ei, vorzüglich!«
Im Durchschnitt ist man kummervoll
Und weiß nicht, was man machen soll. -

...

So auch der Dichter. - Stillbeglückt
Hat er sich was zurechtgedrückt
Und fühlt sich nun in jeder Richtung
Befriedigt durch die eigne Dichtung.
Doch guter Menschen Hauptbestreben
Ist, andern auch was abzugeben.
Der Dichter, dem sein Fabrikat
Soviel Genuß bereitet hat,
Er sehnt sich sehr, er kann nicht ruhn,
Auch andern damit wohlzutun;
Und muß er sich auch recht bemühn,
Er sucht sich wen und findet ihn;
Und sträubt sich der vor solchen Freuden,
Er kann sein Glück mal nicht vermeiden.
Am Mittelknopfe seiner Weste
Hält ihn der Dichter dringend feste,
Führt ihn beiseit zum guten Zwecke
In eine lauschig stille Ecke,
Und schon erfolgt der Griff, der rasche,
Links in die warme Busentasche,
Und rauschend öffnen sich die Spalten
Des Manuskripts, die viel enthalten.
Die Lippe sprüht, das Auge leuchtet,
Des Lauschers Bart wird angefeuchtet,
Denn nah und warm, wie sanftes Flöten,
Ertönt die Stimme des Poeten. -

»Vortrefflich!« ruft des Dichters Freund;
Dasselbe, was der Dichter meint;
Und, was er sicher weiß zu glauben,
Darf sich doch jeder wohl erlauben.
Wie schön, wenn dann, was er erdacht,
Empfunden und zurechtgemacht,
Wenn seines Geistes Kunstprodukt,
Im Morgenblättchen abgedruckt,
Vom treuen Kolporteur geleitet,
Sich durch die ganze Stadt verbreitet:
Das Wasser kocht. - In jedem Hause,
Hervor aus stiller Schlummerklause,
Eilt neu gestärkt und neu gereinigt,
Froh grüßend, weil aufs neu vereinigt,
Hausvater, Mutter, Jüngling, Mädchen
Zum Frühkaffee mit frischen Brötchen.
Sie alle bitten nach der Reihe
Das Morgenblatt sich aus, das neue,
Und jeder stutzt, und jeder spricht:
»Was für ein reizendes Gedicht!«
Durch die Lorgnetten, durch die Brillen,
Durch weit geöffnete Pupillen,
Erst in den Kopf, dann in das Herz,
Dann kreuz und quer und niederwärts
Fließt's und durchweicht das ganze Wesen
Von allen denen, die es lesen.
Nun lebt in Leib und Seel der Leute,
Umschlossen vom Bezirk der Häute
Und andern warmen Kleidungsstücken,
Der Dichter fort, um zu beglücken,
Bis daß er schließlich abgenützt,
Verklungen oder ausgeschwitzt.
Ein schönes Los! Indessen doch
Das allerschönste blüht ihm noch.
Denn Laura, seine süße Qual,
Sein Himmelstraum, sein Ideal,
Die glühend ihm entgegenfliegt,
Besiegt in seinen Armen liegt,
Sie flüstert schmachtend inniglich:
»Göttlicher Mensch, ich schätze dich!
Und daß du so mein Herz gewannst,
Macht bloß, weil du so dichten kannst!«

Oh, wie beglückt ist doch ein Mann,
Wenn er Gedichte machen kann!

Re: Gedichte

Hausdrache - 24.10.2006, 13:21

Mein lieber Talley,

das Du das berühmteste Heine Gedicht nicht kennst, das erstaunt mich jetzt wirklich. gruebel Was das Gedicht von Busch betrifft, da stimme ich Dir voll und ganz zu. Das ist wirklich wundervoll.

So, und hier auch noch eins von Christian Morgenstein, ein Liebegedicht:

Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zu dir,
hält’s nicht aus,
hält’s nicht aus mehr bei mir.

Legt sich dir auf die Brust
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.

Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.

(Christian Morgenstern, gesammelte Werke, S.129, Piper-Verlag)

Gruß
Hausdrache

Re: Gedichte

Talley - 24.10.2006, 14:36

Hausdrache hat folgendes geschrieben: das Du das berühmteste Heine Gedicht nicht kennst, das erstaunt mich jetzt wirklich. gruebel Nun, der Heine war mir natürlich bekannt, nicht aber der Busch.

Zitat: So, und hier auch noch eins von Christian Morgenstein, ein Liebegedicht:... ...stern, mein lieber Drache, ...stern, nicht ...stein. :mrgreen:

Hier ein weiteres aus seinen Galgenliedern:

Es war einmal ein Lattenzaun,
mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da -

und nahm den Zwischenraum heraus
und baute draus ein großes Haus.

Der Zaun indessen stand ganz dumm
mit Latten ohne was herum,

ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.

Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri - od - Ameriko.

Re: Gedichte

Hausdrache - 24.10.2006, 14:52

Talley hat folgendes geschrieben: stern, mein lieber Drache, ...stern, nicht ...stein. :mrgreen:
Mein Gott, wo bin ich heute nur wieder mit meinen Gedanken?! Unten richtig, Oben gemurkst... :mrgreen: Woran ich dabei wohl gedacht habe??? gruebel

Gruß
Hausdrache

Re: Gedichte

Seelchen - 24.10.2006, 15:12

Hausdrache hat folgendes geschrieben:
So, und hier auch noch eins von Christian Morgenstein, ein Liebegedicht:
...


Danke Susanna....ein wunderschönes Gedicht. Mit Liebesfilmen und Liebesromanen kannst Du mich jagen...aber Liebesgedichte liebe ich. :oops:


In ihrer Schönheit wandelt sie
wie wolkenlose Sternennacht,
vermählt auf ihrem Antlitz sieh
des Dunkels Reiz, des Lichtes Pracht,
der Dämmrung zarte Harmonie,
die hinstirbt, wenn der Tag erwacht.

Kein Licht zuviel, kein Schatten fehlt -
sonst wär's die tiefe Anmut nicht,
die jede Rabenlocke strählt
und sanft verklärt ihr Angesicht,
wo hold und hell die Seel erzählt
von lieben Träumen, rein und licht.

O diese Wang, o diese Braun,
wie sanft, wie still, und doch beredt,
Was wir in ihrem Lächeln schaun,
ein frommes Wirken früh und spät,
ein Herz voll Frieden und Vertraun,
und Lieb, unschuldig wie Gebet.

Lord Byron

Re: Gedichte

Seelchen - 24.10.2006, 15:19

Und noch ein Heine. :oops:

Ein Weib

Sie hatten sich beide so herzlich lieb,
Spitzbübin war sie, er war ein Dieb.
Wenn er Schelmenstreiche machte,
sie warf sich aufs Bett und lachte.

Der Tag verging in Freud und Lust,
des Nachts lag sie an seiner Brust.
Als man ihn ins Gefängnis brachte,
sie stand am Fenster und lachte.

Er ließ ihr sagen: O komm zu mir,
ich sehne mich so sehr nach dir,
ich rufe nach dir, ich schmachte -
sie schüttelt das Haupt und lachte.

Um sechse des Morgens ward er gehenkt,
um sieben ward er ins Grab gesenkt,
sie aber schon um achte,
trank roten Wein und lachte.

Re: Gedichte

Hausdrache - 24.10.2006, 19:29

Jadzia hat folgendes geschrieben:
Danke Susanna....ein wunderschönes Gedicht. Mit Liebesfilmen und Liebesromanen kannst Du mich jagen...aber Liebesgedichte liebe ich. :oops:

Du wirst es nicht glauben meine Liebe, aber mir geht es genauso. Bei Schnulzen rollen sich mir die Fußnägel, nur nicht bei Liebesgedichten. :mrgreen:
Darauf gibt es gleich mehrere von Ibn'Arabi (1165-1240), dem großen "andalusischen Meister" :D :


Ich folge der Religion
der Liebe,
wohin auch immer ihre Karawane zieht,
denn Liebe ist mir Religion und Glaube.
--------

Die Wange zog ich durch den Staub
in Zärtlichkeit und Leidenschaft.
Um meiner tiefen Liebe willen:
Stürze mich nicht in Verzweiflung!
--------

Und frag sie: Weilt in Al-Halba
die junge Frau, die Geschmeidige,
bei deren Lächeln
die Sonne erstrahlt?
----------

Der Morgen bricht an,
wenn sie lächelt.
O Herr, wie blitzen
die Perlen ihres Mundes!

Löst sie die Haare,
fließt die Nacht
schwarz und dicht
und undurchdringlich.
-----------

Spricht sie die Wahrheit
und verzehrt sich nach mir,
so heftig und quälend
wie ich mich nach ihr,

So werden wir, in der Hitze des Mittags,
uns heimlich treffen
in ihrem Zelt
und besiegeln den unauflöslichen Bund.
-----------

Fern bin ich, und Verlangen
zerrüttet meine Seele.
Doch auch das Wiedersehen heilt mich nicht,
denn hier und fern vergehe ich vor Sehnsucht.

Das Wiedersehen weckt
das Ungeahnte, nie Gedachte.
So ist die Heilung neue Krankheit,
die aus Ekstase frisch erwächst.

(Aus: Ibn'Arabi, die vollkommene Harmonie, O.W.Barth Verlag)

Gruß
Hausdrache

Re: Gedichte

Seelchen - 25.10.2006, 21:51

Krieg dem Kriege

Sie lagen vier Jahre im Schützengraben.
Zeit, große Zeit.
Sie froren und waren verlaust und haben
daheim eine Frau und zwei kleine Knaben,
weit, weit...

Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt.
Und keiner, der aufzubegehren wagt.
Monat um Monat, Jahr um Jahr ...

Und wenn mal einer auf Urlaub war,
sah er zu Haus die dicken Bäuche.
Und es fraßen dort um sich wie eine Seuche
der Tanz, die Gier, das Schiebergeschäft....

Und die Horde alldeutscher Skribenten kläfft:
Krieg! Krieg!
Großer Sieg!
Sieg in Albanien und Sieg in Flandern!
Und es starben die andern, die andern, die andern ...

Sie sahen die Kameraden fallen.
Das war das Schicksal bei fast allen:
Verwundung, Qual wie ein Tier, und Tod.
Ein kleiner Fleck, schmutzigrot
und man trug sie fort und scharrte sie ein.
Wer wird wohl der nächste sein?

Und ein Schrei von Millionen stieg auf zu den Sternen.
Werden die Menschen es niemals lernen?
Gibt es ein Ding, um das es sich lohnt?
Wer ist das, der da oben thront,
von oben bis unten bespickt mit Orden,
und nur immer befiehlt: Morden! Morden!

Blut und zermalmte Knochen und Dreck.
Und dann hieß es plötzlich, das Schiff sei leck.
Der Kapitän hat den Abschied genommen
und ist etwas plötzlich von dannen geschwommen.
Ratlos stehen die Feldgrauen da.
Für wen das alles? Pro patria?

Brüder! Brüder! Schließt die Reihn!
Brüder! das darf nicht wieder sein!
Geben sie uns den Vernichtungsfrieden,
ist das gleiche Los beschieden
unsern Söhnen und euern Enkeln.
Sollen die wieder blutrot besprenkeln
die Ackergräben, das grüne Gras?
Brüder! Pfeift den Burschen was!
Es darf und soll so nicht weitergehn.
Wir haben alle, alle gesehn,
wohin ein solcher Wahnsinn führt.

Das Feuer brannte, das sie geschürt.
Löscht es aus! Die Imperialisten,
die da drüben bei jenen nisten,
schenken uns wieder Nationalisten.
Und nach abermals zwanzig Jahren
kommen neue Kanonen gefahren.
Das wäre kein Friede.
Das wäre Wahn.
Der alte Tanz auf dem alten Vulkan.
Du sollst nicht töten hat einer gesagt.
Und die Menschheit hörts, und die Menschheit klagt.
Will das niemals anders werden?
Krieg dem Kriege!
Und Friede auf Erden.

Kurt Tucholsky

Re: Gedichte

Hausdrache - 25.10.2006, 22:13

Ah, der wunderbare Tucholsky. :D
Dann schicke ich doch mal dem Krieg, den "Frieden" hinterher:

Zitat: Holder Friede

Nun senkt sich auf die Fluren nieder
der süße Tran der Vorkriegszeit;
es kehren Ruh und Stille wieder,
getretener Quark wird weich und breit.
Und alle atmen auf hienieden:
Jetzt haben wir Frieden.

Nun ist es Herbst. Die Storchenpaare
stehn klappernd, und der Eichbaum schwankt.
Das ist ja wohl die Zeit im Jahre,
wo Engel sich mit Brechten zankt.
Die Ehe wird noch oft geschieden.
Jetzt haben wir Frieden.

Wir wollen nur das eine wissen,
weil uns das wirklich interessiert:
Premierenknatsch in den Kulissen –
ob Kortner Jeßner engagiert?
Baut Laemmle pappene Pyramiden?
Jetzt haben wir Frieden.

Wir geben einer müden Masse
zum Ansehn, was sie niemals hat.
»In Schiffskabinen erster Klasse
gibt es jetzt Radio, Turnsaal, Bad ... !«
Vergessen sind die Invaliden –
jetzt haben wir Frieden.

Verrauscht ist Lärm und Trommelfeuer,
verweht das Leid der Inflation.
Wir hassen jedes Abenteuer –
wir wollen nicht mehr. Wir haben schon.
Wir pfeifen auf dem ersten Loche.
Nun liegt schon alles weit entfernt ...
Wir spielen Metternich-Epoche
und haben nichts dazugelernt.

Gruß
Hausdrache

Re: Gedichte

Hausdrache - 25.10.2006, 22:21

Und das ist auch sehr treffend. Gut, eigentlich ist alles von Tucholksy Klasse. :oops:

Zitat: Ideal und Wirklichkeit

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange das,
was du willst – und nachher kriegst dus nie ...
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
C'est la vie –!

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt ...
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah ... beinah ...
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik ... und nun ists die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih –!

Re: Gedichte

David Grün - 30.10.2006, 22:51

Von mir ein kleines Gedichtchen, das durchaus dazu angetan ist, der dunklen Jahreszeit zu trotzen:

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.
Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich "Euer Gnaden".
Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.
(Joachim Ringelnatz)

Gruß,
David Grün

Re: Gedichte

Talley - 02.11.2006, 16:11

Ein weiteres Lieblingsgedicht. Mal ein bekanntes von Altmeister Goethe. Wunderschön passend für einen kalten Novemberabend.

Wanderers Nachtlied – Ein Gleiches

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Re: Gedichte

Hausdrache - 03.11.2006, 15:12

Theodor Storm:

Welt-Lauf

Wer der Gewalt gegenüber steht
In Sorgen für der Liebsten Leben,
Der wir zuletzt von seinem Ich
Ein Teil und noch ein Teilchen geben.

Und dürstet er nach reiner Luft,
Er wird zuletzt ein halber Schuft.

----------

Halbe Arbeit

Leibeigenschaft war nur der Rumpf,
Nur halb erlegte man den Drachen,
Der noch aus dem feudalen Sumpf
Zu uns herüberrecht den Rachen;
Behalten bleib es bessern Tagen,
Das freche Haupt herabzuschlagen.

(Band 1, sämtliche Werke von Theodor Storm, Seite 154 und 167)

Re: Gedichte

Hausdrache - 07.11.2006, 21:20

Von Joachim Ringelnatz, einem meiner Lieblingsdichter:


PSST!

Träume deine Träume in Ruh.

Wenn du niemandem mehr traust,
Schließe die Türen zu,
Auch deine Fenster,
Damit du nichts mehr schaust.

Sei still in deiner Stille,
Wie wenn dich niemand sieht.
Auch was dann geschieht,
Ist nicht dein Wille.


Und im dunklen Schatten
Lies das Buch ohne Wort.

Was wir haben, was wir hatten,
Was wir --
Eines Morgens ist alles fort.

(Joachim Ringelnatz, Das Gesamtwerk in 7 Bänden, Band 2: Gedichte, Seite 118)

Re: Gedichte

vonhaeften - 07.11.2006, 22:16
Re: Einmal direkt...
Das Tier hat folgendes geschrieben: Vergiss es

Also pass auf, wenn ich sterbe, will ich
keine Tränen, sieh nur zu, dass ich
abgeräumt werde, ich hatte ein
erfülltes Leben, und wenn überhaupt einer
eine Startvorgabe hatte, dann ich.
Ich hatte sieben oder acht Leben
in einem. Mehr kann man
nicht wollen.
Am Ende sind wir alle gleich
also bitte keine Reden
es sei denn, du willst sagen:
Er wettete auf Pferde
und darauf verstand er sich
sehr gut.

Du bist nach mir dran, und
ich weiß schon jetzt etwas
das du nicht weißt.
Vielleicht.

Hank Bukowski


Gut! Bukowskis Bücher habe ich samt und sonders gelesen. Ein sympathischer und intelligenter Schiftsteller, der zu seiner Zeit den richtigen Ton getroffen hat.

Intereressant wäre die Frage: wie würde Bukowski heutzutage schreiben?

Re: Gedichte

Das Tier - 08.11.2006, 13:43
Re: Einmal direkt...
vonhaeften hat folgendes geschrieben: Das Tier hat folgendes geschrieben: Vergiss es

Also pass auf, wenn ich sterbe, will ich
keine Tränen, sieh nur zu, dass ich
abgeräumt werde, ich hatte ein
erfülltes Leben, und wenn überhaupt einer
eine Startvorgabe hatte, dann ich.
Ich hatte sieben oder acht Leben
in einem. Mehr kann man
nicht wollen.
Am Ende sind wir alle gleich
also bitte keine Reden
es sei denn, du willst sagen:
Er wettete auf Pferde
und darauf verstand er sich
sehr gut.

Du bist nach mir dran, und
ich weiß schon jetzt etwas
das du nicht weißt.
Vielleicht.

Hank Bukowski


Gut! Bukowskis Bücher habe ich samt und sonders gelesen. Ein sympathischer und intelligenter Schiftsteller, der zu seiner Zeit den richtigen Ton getroffen hat.

Intereressant wäre die Frage: wie würde Bukowski heutzutage schreiben?

Hallo vonhaeften,

Hank wurde - das ist zumindest meine Eindruck- mit dem Alter immer milder. Nach der Aufarbeitung der Jugend konnte er wohl viele menschliche Aspekte ruhiger betrachten.

Gruß

Tier

Re: Gedichte

Hausdrache - 19.11.2006, 02:49

Da ich mit Tommy gerade das Thema in unserer "Klön- und Tratschecke" hatte und er mich offensichtlich für einen "Eisblock" hält, :mrgreen: stelle ich zur Nacht mal ein herrlich "schwülstiges" und erotisches Liebesgedicht ein:

Zitat: Manfred Ach

ICH WILL DICH

Ich will
deine Nasenflügel beben lassen,
deine Lippen mit Blut anfüllen,
den Schweiß in deine Haare treiben,

ich will
im Steigbügel deiner Ohren sitzen,
durch deine Mundhöhle wandern,
in deinem Delta eine Strömung sein,

ich will
in deinem Leib das Cello streichen,
aus deinen Augen Funken schlagen
und in deinem Herzen einen Gong,

ich will
der Frühling sein in deinem Garten,
der Sommerwind auf deiner Haut,
die Wintersonne, wenn’s dich friert,

ich will
den Weizen deiner Brüste ernten,
mich an deinem Lächeln wärmen
und in deinem Herzen überwintern herz1

buona notte e dolci sogni
Susanna

Re: Gedichte

Hausdrache - 20.11.2006, 15:09

Und noch eins :D :

Theodor Storm
(1817-1888)

DU WILLST ES NICHT IN WORTEN SAGEN

Du willst es nicht in Worten sagen;
Doch legst du's brennend Mund auf Mund,
Und deiner Pulse tiefes Schlagen
Tut liebliches Geheimnis kund.

Du fliehst vor mir, du scheue Taube,
Und drückst dich fest an meine Brust;
Du bist der Liebe schon zum Raube
Und bist dir kaum des Worts bewußt.

Du biegst den schlanken Leib mir ferne,
Indes dein roter Mund mich küßt;
Behalten möchtest du dich gerne,
Da du doch ganz verloren bist.

Du fühlst, wir können nicht verzichten;
Warum zu geben scheust du noch?
Du mußt die ganze Schuld entrichten,
Du mußt, gewiß, du mußt es doch.

In Sehnen halb und halb in Bangen,
Am Ende rinnt die Schale voll;
Die holde Scham ist nur empfangen,
Daß sie in Liebe sterben soll.

Re: Gedichte

sünnerklaas - 25.11.2006, 02:11

Eines meiner Lieblingsgedichte...
Zitat:
Erich Kästner: Marschlied 1945

In den letzten dreißig Wochen
zog ich sehr durch Wald und Feld.
Und mein Herz ist so durchbrochen,
daß man's kaum für möglich hält.
Ich trag' Schuhe ohne Sohlen,
und der Rucksack ist mein Schrank.
Meine Möbel hab'n die Polen
Und mein Geld die Dresdner Bank.
Ohne Heimat und Verwandte,
und die Stiefel ohne Glanz -
ja, das wär nun der bekannte
Untergang des Abendlands!
Links, zwei, drei, vier,
links zwei, drei -
Hin ist hin! Was ich habe,
ist allenfalls:
links, zwei, drei, vier,
links, zwei, drei -
ich habe den Kopf, ich hab'
ja den Kopf
noch fest auf dem Hals.

Ich trag Schuhe ohne Sohlen.
Durch die Hose pfeift der Wind.
Doch mich soll der Teufel holen,
wenn ich nicht nach Hause find'.
In den Fenstern, die im Finstern
lagen, zwinkert wieder Licht.
Freilich nicht in allen Häusern.
Nein, in allen wirklich nicht...
Tausend Jahre sind vergangen
samt der Schnurrbart-Majestät.
Und nun heist's: Von vorn anfangen!
Vorwärts marsch! Sonst wird's zu spät!
Links, zwei, drei, vier,
links zwei, drei -
Hin ist hin! Was ich habe,
ist allenfalls:
links, zwei, drei, vier,
links, zwei, drei -
ich habe den Kopf, ich hab'
ja den Kopf
noch fest auf dem Hals.

Re: Gedichte

Hausdrache - 29.11.2006, 16:26

Hallo Jonas,

könntest du bitte nochmal Dein Gedicht einstellen? Ich habe den Beitrag aus Versehen beim Rumfummeln versemmelt...
Heute scheint nicht mein Tag zu sein. :oops: :?

Gruß
Hausdrache

Re: Gedichte

Jonas - 29.11.2006, 18:37

Einer so reizenden Dame verzeihe ich fast alles.
;)

Esther Dischereit

Die Liebe ist die Herbstzeitlose
Sie muß ich nicht plazieren
in der Zeit
Sie sitzt am Fluß

Ich flog auf goldenen Schwingen
Dädalus hinterher
Wir stürzten ins Meer
Als Jonas uns Hilfe anbot

Wir sagten ja und
nahmen Platz auf
dem Flugzeugträger

(Gedichte gegen den Krieg)

Re: Gedichte

Hausdrache - 02.12.2006, 21:25

Und mal wieder eins von Tucholsky :D

Schall und Rauch

Der Name ists, der Menschen zieret,
weil er das Erdenpack sortieret –
bist du auch dämlich, schief und krumm:
Du bist ein Individuum.

Hier sieht man nun den Dichter walten.
Er schafft nicht nur die Dichtgestalten,
nein, er benamset auch sein Kind –
und nennt es Borkman oder Gynt.

Wie aber, wenn er in den Dramen
gediegne bürgerliche Namen
benutzt und jener Bürger klagt,
damits der Richter untersagt?

»Du wirst dich von dem Namen trennen!
Mußt du ihn grade Barnhelm nennen?«
Der Richter schüttelt das Barett:
»Der Name macht den Kohl nicht fett!«

Und kurz: Wir werden was ertragen!
Schon sieht man Doktor Tassow klagen,
mit ihm in trautestem Verein
den Grünkramhändler Wallenstein.

Dem Dichter fällt in seine Leier
auch der Ap'theker Florian Geyer –
dem Dichter grausts mit einem Mal:
Er numeriert sein Personal.

Wie nennt man nun die Rechtsgelehrten,
die uns mit diesem Spruch beehrten?
Wie nennt man also dies Gericht?
Hier weiß ich keinen Namen nicht.

Re: Gedichte

Sharif - 06.12.2006, 18:29

Eine Fabel, die ich mal geschrieben habe!

Entfliehe der Unmündigkeit

Ein tüchtiger Bär lebt mit einem Fuchs zusammen,
der Listige von Beiden lässt sich bedienen,
dies jedoch, stört den anderen nimmer,
darum könnte der listige Fuchs jedes Mal grienen,
auch wenn die Lügen sich ins Herz des Bären rammen.

Das Wohl des Fuchses ist dem Bären wertvoll,
genau deshalb erfüllt er jeden Wunsch,
selbst bei Wind und Wetter, das stört ihm nimmer,
weil er jenen mag, zieht er keinen Flunsch,
egal wie qualvoll.

Einzig eine Amsel beendet dies,
durch ihren befreienden Gesang,
dient der Bär dem Fuchs nun nimmer,
nichts ändert mehr dies, auch nicht der Lobgesang,
deshalb geht es dem einsamen Fuchs, jetzt ziemlich mies.

Nach dieser Tat eilt der Bär zu seinem Erlöser
und bietet der Amsel sein Heim,
denn er dankt ihr für immer,
doch ein neuer Tyrann ist daheim
und die Gutgläubigkeit ist der Auslöser.

Ein unbestechlicher Verstand ist eine der mächtigsten Gaben,
dennoch wird diese Kostbarkeit selten genutzt,
aus diesem Grund gibt es Dummheit immer
und wird von Heuchlern ausgenutzt,
deshalb nutzte deinen Verstand und zertrete diese Schaben.

Re: Gedichte

Hausdrache - 13.12.2006, 00:57

Und hier eins der wundervollen Liebesgedichte des berühmten Petrarca an seine Laura herz1 :

Né così bello il Sol già mai levarsi Sonett 112

(Er schreibt Sennuccio, wie Laura ausgesehen am Tag, als er sich in sie verliebte)

Nie ging so schön die Sonne auf am Morgen,
wenn völlig nebellos der Himmel lachte,
noch tat der Regenbogen, der entfachte,
so viele Farben von der Luft sich borgen;

als ich beseligt schien und traumgeborgen
am Tag, der mich zum Joch der Liebe brachte,
durchs Antlitz glücklich, nirgend nachgemachte,
das Gott gespendet, um mich zu versorgen.

Ich sah Sie sanft die Augen so verdrehen,
daß jeder Anblick mir seit jener Stunde
verleidet schien, der nicht der Ihre wäre.

Ich sah, Sennuccio, sah mich selber flehen
um Sicherheit vor einer Todes-Wunde,
die ich von neuem jeden Tag begehre.

Francesco Petrarca (1304-1374)

Re: Gedichte

intihaar - 13.12.2006, 16:20
phantasus
arno holz: phantasus (1898)

schönes, grünes, weiches gras.
drin liege ich.
mitten zwischen butterblumen!

über mir,
warm,
der himmel:
ein weites, zitterndes weiß,
das mir die augen langsam, ganz langsam
schließt.

wehende luft, ... ein zartes summen.

nun bin ich fern
von jeder welt,
ein sanftes rot erfüllt mich ganz,
und deutlich spür ich,
wie die sonne mir durchs blut rinnt -
minutenlang.

versunken alles. nur noch ich.

selig.

Re: Gedichte

Das Tier - 13.12.2006, 16:48
Der doppelte Hermann Hesse
Jeder ist allein

Voll von Freunden war mir die Welt
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.





Absage

Lieber von einem Faschisten erschlagen werden
Als selber Faschist sein!
Lieber von einem Kommunisten erschlagen werden
Als selber Kommunist sein!

Wir haben den Krieg nicht vergessen. Wir wissen,
Wie das berauscht, wenn man Trommel und Pauke rührt.
Wir sind taub, wir werden nicht mitgerissen,
Wenn ihr das Volk mit dem alten Rauschgift verführt.
Wir sind weder Soldaten noch Weltverbesserer mehr,
Wir glauben nicht, dass "an unserem Wesen
Die Welt müsse genesen".
Wir sind arm, wir haben Schiffbruch gelitten,
Wir glauben alle an die hübschen Phrasen nicht mehr,
Mit denen man uns in den Krieg gepeitscht und geritten -
Auch die Euren, rote Brüder, sind Zauber und führen zu Krieg und Gas!

Auch Eure Führer sind Generäle,
Kommandieren, schreien und organisieren,
Wir aber, wir hassen das,
Wir trinken den Fusel nicht mehr,
Wir wollen Herz und Vernunft nicht verlieren,
Nicht unter roten noch weissen Fahnen marschieren.
Lieber wollen wir einsam als "Träumer" verderben
Oder unter Euren blutigen Brüderhänden sterben,
Als irgend ein Partei- und Machtglück geniessen
Und im Namen der Menschheit auf unsere Brüder schiessen!

EDIT: Beide Gedichte (s. Titel "Der doppelte Hermann Hesse") sind von Hermann Hesse

Re: Gedichte

Hausdrache - 13.12.2006, 16:58

Tierchen, die Autorenangaben fehlen... ;)

Re: Gedichte

Hausdrache - 13.12.2006, 17:20

intihaar, das Gedicht ist sehr schön. Es erinnert mich an etwas Bestimmtes. herz1

Re: Gedichte

intihaar - 13.12.2006, 20:27
dann
taufiq sajigh (1923-1971),
"dieser unruhige junge mit den betrübten augen, die mutigste palästinensische feder überhaupt",
freund der 'shiir' und gründer der literaturzeitschrift 'hiwar',
'pioneer in poetry innovation', dichter, literaturkritiker und journalist,
auch berühmt für seine hervorragende übersetzung der "four quartets" (rubaijat arba) von t. s. eliot,
schrieb einst diese zeilen:

was dann?

was dann?
er verkehrt komödie in tragödie,
hebt die ehrfurcht der tragödie auf,
eine gedämpfte stimme
krächzt:
was dann?

meine welt ist leere,
höhlen, schwanger mit
was dann?

wenn er sich eines tages zurückzieht
und die wangen der welt gefüllt sein werden,
schwindet die farbe aus ihnen.
furcht blitzt auf und donner hustet:
was dann?

meine sommerresidenz ist leere,
meine winterresidenz ist furcht,
mein leben ist ein zug
zwischen ihnen, sein pfeifen
was dann?

mit dem morgenkaffee
was dann?

bei der arbeit
was dann?

in den blättern
und im bett
was dann?

hier wie dort
was dann?

er kaut das tageslicht
was dann?

hinterlässt keine spuren für morgen
und ehrt die ruinen von gestern,
von häusern und gärten,
wäre da nicht

was dann?

und in diesem
was dann?
habe ich meine tage verbrannt.

Re: Gedichte

Riwka - 13.12.2006, 23:03

Zitat:

Rosen auf den Weg gestreut

Ihr müsst sie lieb und nett behandeln,
erschreckt sie nicht - sie sind so zart!
Ihr müsst sie Palmen sie umwandeln,
getreulich ihrer Eigenart!
Pfeift eurem Hunde, wenn er kläfft:
küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft!

Wenn sie in ihren Sälen hetzen,
sagt, "Ja und Amen - aber gern!
Hier habt ihr mich - schlagt mich in Fetzen!"
Und prügeln sie, so lobt den Herrn.
Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!
Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft!

Und schießen sie: du lieber Himmel,
schätzt ihr das Leben so hoch ein?
Das ist doch Pazifisten-Fimmel!
Wer möchte nicht gern Opfer sein?
Und spürt ihr auch in euerm Bauch
den Hitlerdolch, tief, bis zum Heft:
Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft!


Theobald Tiger alias Kurt Tucholsky, erschienen in der Weltbühne 13 am 31.3.1931

Re: Gedichte

Hausdrache - 18.12.2006, 13:57

Erich Fried
(1921-1988)

Dich küssen wollen

Dich küssen wollen
deine Finger und deine Handflächen
deine Lippen und deine Zunge
deine Augen und deine Brüste
deine Achselhöhlen und Kniekehlen
und deinen Schoß

Dich einatmen wollen
und ausatmen
und wieder einatmen beim Küssen
dich berühren und sehen wollen
und riechen und kosten beim Küssen

Dich anbeten beim Küssen
und bei jedem Gedanken daran
dich geküßt zu haben
und dich wieder zu küssen

Und wissen daß du es bist
beim Denken an dich
und beim Küssen

Re: Gedichte

Hausdrache - 19.12.2006, 14:53

Und noch eins... weil es einfach zu schön ist :D

Erich Fried
(1921-1988)

Wie du solltest geküsset sein
(nach einem Gedichttitel
von Paul Flemming,
1609-1640) für Elisabeth

Wenn ich dich küsse
ist es nicht nur dein Mund
nicht nur dein Nabel
nicht nur dein Schoß
den ich küsse

Ich küsse auch deine Fragen
und deine Wünsche
ich küsse dein Nachdenken
deine Zweifel
und deinen Mut

deine Liebe zu mir
und deine freiheit von mir
deinen Fuß
der hergekommen ist
und der wieder fortgeht

ich küsse dich
wie du bist
und wie du sein wirst
morgen und später
und wenn meine zeit vorbei ist

Re: Gedichte

Riwka - 19.12.2006, 22:30

NOCH BIST DU DA

Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
waechst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Traeume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

Rose Auslaender

Re: Gedichte

Hausdrache - 20.12.2006, 21:40

Kriegslied - Matthias Claudius, 1778

's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
's ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blaß,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnot?

Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten uber mich?

Wenn Hunger, böse Seuch' und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammleten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?

Was hülf mir Kron' und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
's ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Re: Gedichte

Riwka - 21.12.2006, 00:34

Das Eisenbahngleichnis

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiss, wie weit.
Ein Nachbar schlaeft, ein anderer klagt,
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus. Wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tuer herein
und laechelt vor sich hin.

Auch er weiss nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug faehrt langsam und haelt still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus. Die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug faehrt weiter, er jagt durch die Zeit,
und niemand weiss, warum.

Die I. Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Pluesch und atmet schwer.
Er ist allein und spuert das sehr.
Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zu Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé.

Erich Kaestner

Re: Gedichte

Hausdrache - 21.12.2006, 14:59

DAS HOHELIED SALOMONS
Nach dem Lateinischen der Vulgata und nach Luthers Verdeutschung von Johann Wolfgang von Goethe

Küß er mich den Kuss seines Mundes! Trefflicher ist deine Liebe denn Wein. Welch ein süßer Geruch deine Salbe, ausgegossne Salb ist dein Nahme, drum lieben dich die Mädgen. Zeuch mich! Laufen wir doch schon nach dir! Führte mich der König in seine Kammer, wir sprängen und freuten uns in dir.

Priesen deine Lieb über den Wein.

Lieben dich doch die Edlen all!

Schwarz bin ich, doch schön, Töchter Jerusalems! Wie Hütten Kedars, wie Teppiche Salomos.

Schaut mich nicht an dass ich braun bin, von der Sonne verbrannt. Meiner Mutter Söhne feinden mich an, sie stellten mich zur Weinberge Hüterinn. Den Weinberg der mein war hütet ich nicht.

Sage mir du den meine Seele liebt, wo du weidest? Wo du ruhest am Mittag? Warum soll ich umgehn an den Heerden deiner Gesellen.

Weist dus nicht, schönste der Weiber, folg nur den Tapfen der Heerde, weide deine Böcke um die Wohnung der Hirten.

Meinem reisigen Zeug unter Pharaos Wagen vergleich ich dich, mein liebgen. Schön sind deine Backen in den Spangen, dein Hals in den Ketten. Spangen von Gold sollst du haben mit silbernen Böcklein.

So lang der König mich koset giebt meine Narde den Ruch.

Ein Büschel Myrrhen ist mein Freund, zwischen meinen Brüsten übernachtend. Ein Trauben Kopher ist mir mein Freund in den Wingerten Engedi.

Sieh du bist schön, meine Freundinn! Sieh du bist schön! Tauben Augen die deinen.

Sieh du bist schön, mein Freund. Auch lieblich! Unser Bette grünt, unsrer Hütte Balcken sind Cedren, unsre Zinnen Cypressen.

Ich bin die Rose im Thal! Bin ein May Blümgen! Wie die Rose unter den Dornen so ist mein Liebgen unter den Mädgen. Wie der Apfelbaum unter den Waldbäumen, ist mein Liebster unter den Männern. Seines Schattens begehr ich nieder sitz ich und süss ist meinem Gaum seine Frucht. Er führt mich in die Kelter, über mir weht seine Liebe. Stützet mich mit Flaschen, polstert mir mit Äpfeln denn Kranck bin ich für Liebe. Seine lincke trägt mein Haupt, seine rechte herzt mich. Ich beschwör euch, Töchter Jerusalems, bey den Rehen, bey den Hinden des Feldes, rühret sie nicht, reget sie nicht meine Freundinn bis sie mag.

Sie ist's, die Stimme meines Freundes. Er kommt! Springend über die Berge! Tanzend über die Hügel! Er gleicht, mein Freund, einer Hinde, er gleicht einem Rehbock. Er steht schon an der Wand, siehet durchs Fenster, gucket durchs Gitter! Da beginnt er und spricht:

Steh auf, meine Freundinn, meine Schöne, und komm. Der Winter ist vorbey, der Regen vorüber. Hin ist er! Blumen sprossen vom Boden, der Lenz ist gekommen, und der Turteltaube Stimme hört ihr im Lande. Der Feigenbaum knotet. Die Rebe duftet. Steh auf, meine Freundinn, meine Schöne, und komm. Meine Taube in den Steinritzen im Hohlhort des Felshangs. Zeig mir dein Antlitz, tön deine Stimme, denn lieblich ist deine Stimme, schön dein Antliz. Fahet uns die Füchse, die kleinen Füchse die die Wingerte verderben, die fruchtbaaren Wingerte.

Mein Freund ist mein, ich sein, der unter Lilien weidet. Bis der Tag atmet, die Schatten fliehen, wende dich, sey gleich, mein Freund, einer Hinde, einem Rehbock, auf den Bergen Bether.

Auf meiner Schlafstäte zwischen den Gebürgen sucht ich den meine Seele liebt, sucht ihn, aber fand ihn nicht. Aufstehen will ich und umgehen in der Stadt, auf den Märkten und Straßen. Suchen, den meine Seele liebt, ich sucht ihn, aber fand ihn nicht. Mich trafen die umgehenden Hüter der Stadt: den meine Seele liebt, saht ihr ihn nicht? Kaum da ich sie vorüber war fand ich den meine Seele liebt, ich fass ihn, ich lass ihn nicht. Mit mir soll er in meiner Mutter Haus, in meiner Mutter Kammer.

Wer ist die herauf tritt aus der Wüsten wie Rauch Säulen, wie Gerauch Myrrhen und Weyrauch, köstlicher Spezereyen.

Schön bist du, meine Freundinn, ja schön, Taubenaugen die deinen zwischen deinen Locken.

Dein Haar eine blinkende Ziegenheerde auf dem Berge Gilead. Deine Zähne eine geschorene Heerde, aus der Schwemme steigend, all zwilings-trächtig, kein Misfall unter ihnen. Deine Lippen eine rosinfarbe Schnur, lieblich deine Rede! Wie der Ritz am Granatapfel deine Schläfe zwischen deinen Locken. Wie der Turn David dein Hals, gebauet zur Wehre, dran hängen Tausend Schilde, alles Schilde der Helden. Deine beyden Brüste, wie Rehzwillinge die unter Lilien weiden. Völlig schön bist, meine Freundinn, kein Flecken an dir.

Komm vom Libanon, meine Braut, Komm vom Libanon! Schau her von dem Gipfel Amana, vom Gipfel Senir und Hermon, von den Wohnungen der Löwen, von den Bergen der Parden.

Gewonnen hast du mich, Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem, mit deiner Halsketten einer. Hold ist deine Liebe, Schwester, liebe Braut! Trefflicher deine Liebe denn Wein, deiner Salbe Geruch über alle Gewürze.

Honig triefen deine Lippen, meine Braut, unter deiner Zunge sind Honig und Milch, deiner Kleider Geruch wie der Ruch Libanons. Schwester, liebe Braut, ein verschlossner Garten bist du, eine verschlossne Quelle, ein versiegelter Born. Dein Gewächse ein Lustgarten Granatbäume mit der Würzfrucht. Cypern mit Narden, Narden und Saffran, Calmus und Cynnamen, allerley Weyrauch Bäume, Myrrhen und Aloe und all die trefflichsten Würzen. Wie ein Garten Brunn, ein Born lebendiger Wasser, Bäche vom Libanon. Hebe dich, Nordwind, komm, Südwind, durchwehe meinen Garten, daß seine Würze triefen.

Er komme in seinen Garten mein Freund und esse die Frucht seiner Würze!

Schwester, liebe Braut, ich kam zu meinem Garten, brach ab meine Myrrhen, meine Würze. Als meinen Seim, meinen Honig, Tranck meinen Wein, meine Milch.

Esset, Gesellen! Trincket, werdet truncken in Liebe.

Ich schlafe, aber mein Herz wacht. Horch! Die Stimme meines klopfenden Freundes: Öffne mir, meine Schwester, meine Freundinn, meine Taube, meine Fromme, denn mein Haupt ist voll Taus und meine Locken voll Nachttropfen. Bin ich doch entkleidet, wie soll ich mich anziehen? hab ich doch die Füße gewaschen, soll ich sie wieder besudeln? Da reichte mein Freund mit der Hand durchs Schalter und mich überliefs. Da stund ich auf meinem Freunde zu öffnen, meine Hände troffen von Myrrhen, Myrrhen liefen über meine Hände an dem Riegel am Schloss. Ich öffnete meinem Freund aber er war weggeschlichen, hingegangen. Auf seine Stimme kam ich hervor, ich sucht ihn und fand ihn nicht, rief ihm, er antwortet nicht. Mich trafen die umgehenden Wächter der Stadt. Schlugen mich, verwundeten mich, nahmen mir den Schleier die Wächter der Mauern.

Ich beschwör euch, Töchter Jerusalems. Findet ihr meinen Freund, wollt ihr ihm sagen, daß ich für Liebe krank bin. Was ist dein Freund vor andern Freunden, du schönste der Weiber, was ist dein Freund vor andern Freunden, daß du uns so beschwörest? Mein Freund ist weiß und roth auserkohren unter viel Tausenden. Sein Haupt das reinste Gold, seine Haarlocken schwarz wie ein Rabe. Seine Augen Taubenaugen an den Wasserbächen, gewaschen in Milch, stehend in Fülle. Würzgärtlein seine Wangen, volle Büsche des Weyrauchs, seine Lippen Rosen träufelnd, köstliche Myrrhen. Seine Hände Goldringe mit Türkisen besetzt, sein Leib glänzend Elfenbein geschmückt mit Sapphiren. Seine Beine wie Marmorsäulen auf güldenen Sockeln. Seine Gestalt wie der Libanon, auserwehlet wie Cedern. Seine Kehle voll Süßigkeit, er ganz mein Begehren. Ein solcher ist mein Liebster, mein Freund ist ein solcher, o Töchter Jerusalems.

Wohin ging dein Freund, du schönste der Weiber? Wohin wandte sich dein Freund, wir wollen ihn mit dir suchen. Mein Freund ging in seinen Garten hinab, zu den Würzbeeten, sich zu weiden im Garten, Lilien zu pflücken. Mein Freund ist mein und ich bin sein der unter Lilien sich weidet.

Schön bist du, meine Freundinn, wie Thirza! Herrlich wie Jerusalem! Schröcklich wie Heerspitzen. Wende deine Augen ab von mir, sie machen mich brünstig.

Sechzig sind der Königinnen, achzig der Kebsweiber, Jungfrauen unzählig. Aber Eine ist meine Taube, Eine meine Fromme. Die einzige ihrer Mutter, die köstliche ihrer Mutter. Sie sahen die Mädgen, sie priesen die Königinnen und Kebsweiber, und rühmten sie.

Wer ist die hervorblickt wie die Morgenröthe? Lieblich wie der Mond, rein wie die Sonne, furchtbar wie Heerspitzen.

Zum Nußgarten bin ich gangen zu schauen das grünende Tal. Zu sehen ob der Weinstock triebe, ob die Granatbäume blühten.

Kehre! Kehre! Sulamith! Kehre! Kehre! Daß wir dich sehen. Seht ihr nicht Sulamith wie einen Reihen Tanz der Engel? Schön ist dein Gang in den Schuhen, o Fürstentochter, deiner Lenden gleiche Gestalt wie zwo Spangen, Spangen des Künstlers Meisterstück. Dein Nabel ein runder Becher der Fülle, dein Leib ein Weizenhaufen umsteckt mit Rosen. Dein Hals ein elfenbeinerner Turn, deine Augen wie die Teiche zu Hesbon am Thore Bathrabbim, deine Nase der Turn Libanon schauend gegen Damaskus. Dein Haupt auf dir wie Carmel, deine Haarflechten wie Purpur des Königs in Falten gebunden. Wie schön bist du, wie lieblich! du Liebe in Wollüsten. Deine Gestalt ist palmengleich, Weintrauben deine Brüste. Ich will auf den Palmbaum steigen, sagt ich, und seine Zweige ergreifen. Laß deine Brüste seyn wie Trauben am Weinstock, deiner Nasen Ruch wie Äpfel. Dein Gaum wie guter Wein, der mir glatt eingehe, der die schlafenden geschwätzig macht.

Ich bin meinem Freunde, bin auch sein ganzes Begehren!

Komm, mein Freund, laß uns aufs Feld gehn, auf den Landhäusern schlafen. Früh stehn wir auf zu den Weinbergen, sehen ob er der Weinstock blühe, Beeren treibe, Blüten die Granatbäume haben. Da will ich dich herzen nach Vermögen.

Die Lilien geben den Ruch, vor unsrer Tür sind allerlei Würze, heutige, fernige. Meine Liebe bewahrt ich dir!

Hätt ich dich, wie meinen Bruder, der meiner Mutter Brüste saugt. Fänd ich dich draus ich küßte dich, niemand sollte mich höhnen. Ich führte dich in meiner Mutter Haus, daß du mich lehrtest! Tränkte dich mit Würzwein, mit Most der Granaten.

Wer ist die herausgeht aus der Wüsten, sich gesellet zu ihrem Freund?

Unterm Apfelbaum weck ich dich, wo deine Mutter dich gebahr, wo dein pflegte, die dich zeugte.

Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn starck wie der Todt ist die Liebe. Eifer gewaltig wie die Hölle. Ihre Glut Feuer-Glut, eine fressende Flamme. Viel Wasser können die Liebe nicht löschen, Ströme sie nicht ersäufen. Böt einer all sein Haab und Gut um Liebe man spottete nur sein.

Re: Gedichte

Hausdrache - 23.12.2006, 15:05

Ich bin zwar keine Gläubige, aber dieses Stück hat es mir angetan und es passt zum Fest :D :

Das hohe Lied der Liebe

Wenn ich mit Zungen
der Menschen und Engel rede,
die Liebe aber nicht habe
- dröhnender Gong bin ich
oder lärmende Zimbel.
Und wenn ich Prophetenrede habe
und weiß die Geheimnisse alle
und alle Erkenntnis,
und wenn ich allen Glauben habe
- zum Bergeversetzen -
die Liebe aber nicht habe
- so bin ich nichts.
Und wenn ich all mein
Hab und Gut veralmose
und meinen Leib
zum Verbrennen ausliefere,
die Liebe aber nicht habe
- so nützt es mir nichts.

Die Liebe ist langmütig.
Gütig waltet die Liebe,
nicht ehrneidig.
Die Liebe eifert nicht;
sie macht sich nicht wichtig.
Sie benimmt sich nicht mißfällig;
sie sucht nicht das Ihre.
Sie läßt sich nicht aufreizen;
sie rechnet das Übel nicht vor.
Sie freut sich nicht über das Unrecht;
doch sie freut sich mit an der Wahrheit.
Alles hält sie aus.
Alles glaubt sie;
alles hofft sie;
alles durchharrt sie.

Die Liebe geht nie zugrunde. (...)

Jetzt also bleiben
Glaube, Hoffnung, Liebe - diese drei:
Ihrer Größtes aber ist die Liebe.

1. Korintherbrief, 13,1-13 (Übersetzung: Fridolin Stier)

Re: Gedichte

Hausdrache - 27.12.2006, 21:23

Durch Liebe ward das Bittre süß und hold,
Durch Liebe ward das Kupfer reines Gold,
Durch Liebe ward die Hefe rein und klar,
Die Liebe bot der Krankheit Heilung dar,
Durch Liebe wird belebet, wer entschlafen,
Durch Liebe werden Könige zu Sklaven ...
Die Liebe macht das tote Brot zur Seele,
Macht ewig die vergängliche, die Seele!

Maulana Dschelaladdin RUMI (1207-1273) :D

Re: Gedichte

Hausdrache - 01.01.2007, 16:37

Auguste Kurs
(1815-1892)

Zu spät

Hab' an die Dornen nicht gedacht,
Als ich die Rose brach,
Die Blätter sanken über Nacht,
Der Dorn mich blutig stach.

Hab' an den Winter nicht gedacht
Im Frühlings-Sonnenstrahl,
Nun schwand die duft'ge Blumenpracht
Und öd' ist's allzumal.

Hab' an das Scheiden nicht gedacht,
Als ich mein Lieb umfing,
Nun kommt der Trennung kalte Nacht,
Die Rosenzeit verging.

Daß ich an's Ende nicht gedacht,
Das macht mir bittern Schmerz,
Das Leid ist kommen über Nacht,
Und bricht mir nun das Herz.

Re: Gedichte

Hausdrache - 03.01.2007, 13:09

Und mal wieder ein Tucholsky :D :

An einen Bonzen

Einmal waren wir beide gleich.
Beide: Proleten im deutschen Kaiserreich.
Beide in derselben Luft,
beide in gleicher verschwitzter Kluft;
dieselbe Werkstatt – derselbe Lohn –
derselbe Meister – dieselbe Fron –
beide dasselbe elende Küchenloch ...
Genosse, erinnerst du dich noch?

Aber du, Genosse, warst flinker als ich.
Dich drehen – das konntest du meisterlich.
Wir mußten leiden, ohne zu klagen,
aber du – du konntest es sagen.
Kanntest die Bücher und die Broschüren,
wußtest besser die Feder zu führen.
Treue um Treue – wir glaubten dir doch!
Genosse, erinnerst du dich noch?

Heute ist das alles vergangen.
Man kann nur durchs Vorzimmer zu dir gelangen.
Du rauchst nach Tisch die dicken Zigarren,
du lachst über Straßenhetzer und Narren.
Weißt nichts mehr von alten Kameraden,
wirst aber überall eingeladen.
Du zuckst die Achseln beim Hennessy
und vertrittst die deutsche Sozialdemokratie.
Du hast mit der Welt deinen frieden gemacht.

Hörst du nicht manchmal in dunkler Nacht
eine leise Stimme, die mahnend spricht:
»Genosse, schämst du dich nicht –?«

Re: Gedichte

Hausdrache - 13.01.2007, 23:37

Es wird allerhöchste Zeit für einen der ganz großen "Iren", William Butler Yeats -> http://de.wikipedia.org/wiki/William_Butler_Yeats anfleh_11 :

William Butler Yeats - to his heart, bidding it have no fear

To his heart, bidding it have no fear
Be you still, be you still, trembling heart,
remember the wisdom out of the old days:
Him who trembles before the flame and the flood,
and the wind that blows through the starry ways,
let the starry winds, the flame and the flood
cover over and hide, for you have no part
with the lonely, majestical multitude.

Sei still, sei still, mein zitterndes Herz,
erinnere dich an die Weisheit aus alter Zeit:
Wer zittert vor der Flamme und der Flutwelle,
und den Windenböen durch bestirnte Wege,
soll die bestirnten Winde, die Flamme und die Flut
sich zurückziehen lassen, denn er hat keinen Anteil
an der einsamen, majestätischen Vielheit.

-----------------------------------------------------

cast a cold eye
on life, on death,
horseman, pass by!

Kalt blicke du
auf Leben, Tod,
Reiter, reit zu!

Re: Gedichte

Hausdrache - 18.01.2007, 09:52

Kurt Tucholsky:

Joebbels

Wat wärst du ohne deine Möbelpacker!
Die stehn, bezahlt un treu, so um dir rum.
Dahinter du: een arma Lauseknacker,
een Baritong fort Jachtenpublikum.
Die Weiber – hach – die bibbern dir entjejen
un möchten sich am liebsten uffn Boden lejen!
Du machst un tust und jippst da an ...
Josef, du bist 'n kleener Mann.

Mit dein Klumpfuß – seh mal, bein andern
da sacht ick nischt; det kann ja jeda ham.
Du wißt als Recke durch de Jejend wandern
un paßt in keen Schützenjrahm?
In Sportpalast sowie in deine Presse,
da haste eine mächtich jroße Fresse.
Riskierst du wat? – De Schnauze vornean.
Josef, du bist 'n kleener Mann.

Du bist mit irgendwat zu kurz gekomm.
Nu rächste dir, nu lechste los.
Dir hamm se woll zu früh aus Nest jenomm!
Du bist keen Heros, det markierste bloß.
Du hast 'n Buckel, Mensch – du bist nich richtich!
Du bist bloß laut – sonst biste jahnich wichtig!
Keen Schütze – een Porzellanzerschmeißer,
keen Führer biste – bloß 'n Reißer,
Josef,
du bist een jroßer Mann –!

Re: Gedichte

intihaar - 18.01.2007, 17:45
qabbani
nizar qabbani (1923-1998),
syrischer diplomat und dichter,
befasste sich in seinen gedichten zunächst mit liebe, erotik und frauen, suchte in der lyrik neue ausdrucksmöglichkeiten
und betrat nach dem junikrieg auch politisches terrain;
er ist den arabern einer ihrer liebsten dichter,
und seine gedichte werden in der schule bis heute vielfach auswendig gelernt, obgleich sein werk in vielen staaten verboten ist -
sein wohl berühmtes gedicht ist die 'qasidat balqis',
gewidmet seiner zweiten ehefrau,
die ermordet wurde im zuge des libanesischen bürgerkriegs,
und die eine anklage an sämtliche arabische regierungschefs beinhaltet -
ja, qabbani war ein meister der liebe und der klage:

ich hoffe, du magst ihn (vorwort)

zu deinem geburtstag
du, mein mondschein,
dachte ich darüber nach,
was ich dir schenken soll.
alle möglichkeiten schienen mir begrenzt.
du, für deine augen
würde ich mein ganzes leben geben.
wie kann ein mensch seiner geliebten eine freude machen?
und ihrem herzen seine schönsten wünsche zeigen?
mit blumen?
das ist ein ritual,
das ich nicht mag.
mit parfum?
es gibt keine frau,
die es nicht hätte.
deshalb, zu deinem geburtstag,
werde ich dir, meine herrin,
einen gedichtband schicken.
ich hoffe, du magst ihn.

die schwiegersöhne gottes

kaum ein herrscher,
der in diese stadt kam,
der die menschen nicht am freitag zur moschee rief.
in seiner tüchtigen rede sagte er,
er sei der stellvertreter gottes auf erden,
der von gott gereinigte,
und der beste freund gottes.

kein herrscher,
der in diese erniedrigte, traurige, zerbrochene stadt kam,
der nicht verkündete,
er sei der persönliche vertreter und der sprecher gottes.
ist es mir erlaubt,
gott zu fragen:
hast du ihnen die vollmacht erteilt,
gestempelt und unterschrieben,
diese nation wie einen frosch zu häuten
und auf dem nacken dieses volkes zu sitzen
in alle ewigkeit?

hast du ihnen befohlen, dieses land zu zerstören
und uns wie kakerlaken zu zerquetschen?
auf gottes befehl
treten sie uns mit stiefeln,
mit gottes erlaubnis.
wenn man einen herrscher der ihren fragt:
wer hat dich zum herrscher über diese nation ernannt?
sagt er zu uns:
ihr unwissenden!
wisst ihr nicht, wisst ihr denn nicht,
dass ich der schwiegersohn gottes geworden bin?

ich will schreien:
oh gott! hast du den finanzminister ernannt?
warum sonst ist überall die armut ausgebrochen?
warum ist die geduld zu ende?
warum ist die lage immer schlimmer geworden?
warum ist müll zur hauptmahlzeit geworden?
warum findet der vogel nichts in unserem land außer abfall?
ist die brotpreiserhöhung eine angelegenheit gottes?

ich möchte fragen wie ein kind:
oh du erbarmer,
barmherziger und ernährer der vögel,
der insekten, der hühner und der küken,
hast du diese haie erschaffen?
hast du sie im meer freigesetzt,
damit sie menschen fressen?
ist die verteuerung der bohnen, kichererbsen
des eingelegten und der kräuter eine angelegenheit gottes?
ist die verteuerung des todes und der särge eine angelegenheit gottes?
warum sonst essen die großen kaviar
und wir schuhsohlen?
warum sonst trinken die offiziere whisky
und wir schlamm?
warum sonst unterscheidet der arme in unserem land nicht mehr zwischen brot und halbmond?
warum sonst begehen die kinder schon im bauch ihrer mütter selbstmord?

ich muss den erhabenen gott fragen:
hast du sie gelehrt,
aus unseren häuten trommeln zu machen,
unsere frauen gefangen zu nehmen
und auf uns zu reiten
statt auf pferden und eseln?
ich muss den erhabenen gott fragen:
hast du ihnen befohlen,
uns die knochen zu brechen,
unsere stifte zu zerbrechen,
uns subjektiv und objektiv zu töten
und den blumen zu verbieten,
auf den feldern zu wachsen?

ich muss fragen:
oh gott, hast du ihnen einen blankoscheck gegeben,
damit sie versailles und
das vereinigte königreich kaufen,
damit sie basel, die hängenden gärten
und die hofpresse kaufen?
hast du ihnen einen blankoscheck gegeben,
damit sie den britischen thron
und die paläste kaufen,
damit sie die frauen im käfig wie vögel
und den grünen mond am himmel
von nissapur kaufen?

ich muss dich fragen:
oh gott, hast du dich tatsächlich
mit ihnen allen verschwägert?
ist es so:
wer sein volk ermordet,
wird der schwiegersohn gottes?

Re: Gedichte

intihaar - 18.01.2007, 23:07
fried
erich fried (1921-1988),
von susanna schon so wohlig zitiert,
stellte sich, wie so viele, auch eine der elementarsten fragen:
"was ist leben?"
seine antworten sind lesens- und fühlenswert,
wobei: das "wollen" spielt das leben doch, in manchen aspekten,
noch ein stück weit an die wand:

was ist leben?

leben
das ist die wärme
des wassers in meinem bade

leben
das ist mein mund
an deinem offenen schoße

leben
das ist der zorn
auf das unrecht in unseren ländern

die wärme des wassers
genügt nicht
ich muss auch drin plätschern

mein mund an deinem schoß
genügt nicht
ich muss ihn auch küssen

der zorn auf das unrecht
genügt nicht
wir müssen es auch ergründen

und etwas
gegen es tun
das ist leben

(bei dir sein) wollen

bei dir sein wollen
mitten aus dem was man tut
weg sein wollen
bei dir verschwunden sein

nichts als bei dir
näher als hand an hand
enger als mund an mund
bei dir sein wollen

in dir zärtlich zu dir sein
dich küssen von außen
und dich streicheln von innen
so und so und auch anders

und dich einatmen wollen
immer nur einatmen wollen
tiefer tiefer
und ohne ausatmen trinken

aber zwischendurch abstand suchen
um dich sehen zu können
aus ein zwei handbreit entfernung
und dann dich weiterküssen

Re: Gedichte

Hausdrache - 19.01.2007, 15:50

ah intihaar, was für herrliche Gedichte... ich zittere... herz1
Da kann ich einfach nicht wiederstehen:

Erich Fried
(1921-1988)

Das richtige Wort

Nicht Schlafen mit dir
nein: Wachsein mit dir
ist das Wort
das die Küsse küssen kommt
und das das Streicheln streichelt
und das unser Einatmen atmet
aus deinem Schoß
und aus deinen Achselhöhlen
in meinen Mund
und aus meinem Mund
und aus meinem Haar
zwischen deine Lippen

und das uns die Sprache gibt
Von dir für mich
und von mir für dich
eines dem anderen verständlicher
als alles

Wachsein mit dir
das ist die endliche Nähe
das Sichineinanderfügen
der endlosen Hoffnungen
durch das wir einander kennen

Wachsein mit dir
und dann
Einschlafen mit dir

Re: Gedichte

sünnerklaas - 20.01.2007, 23:18

Hausdrache hat folgendes geschrieben: ah intihaar, was für herrliche Gedichte... i


...das, was ich jetzt hier hineinstelle, ist leider nicht so romantisch - aber eben gut... :lol:

Der Furz

von
Georg Kreisler


Alles nichts wie Scheiße,
Sprach der Staatssekretär,
Alter Leute Steiße
riechen ordinär,
und wenn sie da sitzen,
und behördlich schwitzen,
kriecht ein Furz durch den Mund,
ganz ohne Grund,
stinkt sich gesund
und tritt dann den Dienstweg an mit Pedanterie,
das ist Demokratie!

Er rieselt ins morsche Gehirn
Eines senilen Ministers,
pieselt als Schweiß durch die Stirn,
und der Minister kriegt Durst
und leckt sich die Lippen dabei
steigt ihm der Furz bis zum Halse,
er niest und er ächzt und er schnaubt und er sprüht.
Und dann wird es auch dem Minister zu dumm,
er macht eine Pause,
möcht' gern nach Hause,
hält sich den Bauch
und dann lässt er den Furz an der richtigen Stelle heraus.
Und jetzt ist der Furz nicht mehr nur Geschwätz,
sondern ein Gesetz.
Zwar noch immer Scheiße, aber präzisiert,
daher wird der Furz jetzt sauber registriert.
Kommt in eine Mappe
Mit einer schönen Klappe
Und einer Nummer am Schurz,
trifft auch ganz kurz
Brüdergefurz
Und kriegt einen Stempel, dem geht jeder auf den Leim
nämlich das Wort "geheim".

Er kommt ins Parlament,
dort wird er manchmal gerochen,
aber impotent
wird über ihn debattiert.
Dann sagt ein Redner: "Hohes Haus,
dieser Furz muss raus!"
Und das sind die richtigen Worte,
die kriegen viel Applaus.

Dann wird der Furz dem Volk geschenkt.

Alles nichts wie Scheiße, sprach der Staatssekretär,
aber diese Scheiße ist jetzt im Verkehr,
weil sie so bequem ist,
weil sie kein Problem ist,
schlucken wir sie ganz frei,
furzen dabei
selber entzwei,
was uns zum Menschen macht,
anstatt nur zum Vieh.
Das ist Demokratie.

Re: Gedichte

Das Tier - 22.01.2007, 16:44

Die Schnupftabaksdose

Es war eine Schnupftabaksdose
Die hatte Friedrich der Große
Sich selbst geschnitzelt aus Nußbaumholz.
Und darauf war sie natürlich stolz.
Da kam ein Holzwurm gekrochen.
Der hatte Nußbaum gerochen
Die Dose erzählte ihm lang und breit.
Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.
Sie nannte den alten Fritz generös.
Da aber wurde der Holzwurm nervös
Und sagte, indem er zu bohren begann
"Was geht mich Friedrich der Große an !"




Im Park

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei.

Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise - ich atmete kaum -
gegen den Wind an den Baum,
und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips





vom guten Ringelnatz.

Re: Gedichte

Spargel - 24.01.2007, 14:29

Wird Zeit, dass ich hier auch ein Gedicht einstelle. A le Hopp.

Spargel aus Herbsleben, von Ulf Annel

Hör ich in Herbsleben den Spargel schießen,
fangen meine Geschmacksknospen an zu sprießen.
Wenn man Spargel aus Herbsleben isst,
passiert's, dass man die Umwelt völlig vergisst.
Es kribbelt der Körper, vom Zeh bis zur Stirn.
Da muss man nicht denken, man braucht kein Gehirn.
Und ist das Gehirn genüsslich verreißt.
Dann darauf noch einen Spargel-Geist.

Re: Gedichte

Hausdrache - 01.02.2007, 11:55
Ibn Arabi:
Und hier eines der schönsten Gedichte :D von Muhyiddin Ibn Arabi (1165-1240), der "größte Meister", aus dem Vorwort seines Werkes Fusus al-Hikam (Die Weisheit der Propheten). Im Umschlagtext des Buches steht dazu:
"Die Fusus al-Hikam, das populärste Werke von Ibn Arabi, handeln von der einen grenzenlosen Weisheit, die gleichzeitig einzigartig in sich selbst ist und vielgestaltig in ihrer Verkörperung durch die Linie der Propheten von Adam über Moses und Jesus bis hin zu Mohammed. Als solches ist dieses außergewöhnliche Werk ebenso eine Darlegung der innersten Bedeutung der Existenz des Menschen und seiner Fähigkeit zur Vervollkommnung, wie auch eine esoterische Auslegung des Korans und aller drei abrahamitischen Religionen."

Welche Herrlichkeit!
Ein Garten inmitten der Flammen!
Mein Herz hat sich für jegliche Form geöffnet:
Es ist eine Weide für Gazellen,
und ein Kloster für christliche Mönche,
und ein Tempel für Götzenbilder,
und die Kaaba der Pilgernden,
und die Tafeln der Tora, und das Buch des Korans.
Ich folge der Religion der Liebe:
Welchen Weg die Kamele der Liebe auch einschlagen,
das ist meine Religion und mein Glaube.

Susanna

Re: Gedichte

Hausdrache - 06.02.2007, 14:17

Sturmnacht! - Sturmnacht!
(nach Emily Dickinson)

manchmal ist das Glück ein Feuerwerk
pulsierend und laut und voller Farben
am Himmel,
in der Nacht,
manchmal will ich explodieren
in dir,
in deinen Armen,
in der wilden See,
will eintauchen,
untertauchen und atmen
dich atmen, einatmen und
verschlingen und wieder loslassen,
treiben lassen und Dir folgen
unsichtbar, still und leise
und dann wieder auftauchen
und dich in die Tiefe reißen
immer wieder
und immer wieder
dich in die Tiefe reißen! bussi2

Re: Gedichte

witty - 06.02.2007, 17:10

Rainer Maria Rilke

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefenschwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Re: Gedichte

Hausdrache - 09.02.2007, 14:48

Christian Morgenstern (1871-1914)

HEIMAT

Nach all dem Menschenlärm und -Dust
in dir, geliebtes Herz, zu ruhn,
so meine Brust an deiner Brust,
du meine Heimat nun!

Stillherrlich glänzt das Firmament
in unsrer Augen dunklen Seen,
des Lebens reine Flamme kennt
kein Werden und Vergehn.

Re: Gedichte

Seelchen - 13.02.2007, 12:28

Mal wieder ein Wilhelm Busch...;)

Früher, da ich unerfahren
Und bescheidner war als heute,
Hatten meine höchste Achtung
Andre Leute.

Später traf ich auf der Weide
Ausser mir noch andre Kälber,
Und nun schätz ich, sozusagen,
Erst mich selber.

Wilhelm Busch

Re: Gedichte

Seelchen - 13.02.2007, 12:35

Es ging der fromme Herr Kaplan,
Nachdem er bereits viel Gutes getan,
In stiller Betrachtung der schönen Natur
Einst zur Erholung durch die Flur.
Und als er kam an den Waldessaum,
Da rief der Kuckuck lustig vom Baum:
»Wünsche guten Abend, Herr Kollege!«
Der Storch dagegen, nicht weit vom Wege,
Steigt in der Wiese auf und ab
Und spricht verdrießlich: »Plapperapapp!
Gäb's lauter Pfaffen lobesam,
Ich wäre längst schon flügellahm!«

Man sieht, daß selbst der frömmste Mann
Nicht allen Leuten gefallen kann.

;)

Wilhelm Busch

Re: Gedichte

Hausdrache - 14.02.2007, 15:10

Da wir heute Valentinstag haben, ein Gedicht zum Anlass und alles Gute für alle Liebenden :D

In deiner Liebe Zauberbann

In deiner Liebe Zauberbann
Behagt mir's allzuwohl,
Ich denke nicht von fern daran,
Daß ich ihn lassen soll:
Es hält sein Glück der Weise fest,
Und bettet d'rin sich weich,
Und läßt der Liebe wonnig Nest
Nicht um ein Königreich.

Ist nicht dein Auge süß und klar,
Die Wange weich und rund?
Ist glänzend nicht dein gold'nes Haar
Und honigsüß dein Mund?
Ist nicht erquickend und gelind
An deiner Brust die Ruh'?
Bist du nicht ganz ein Götterkind,
Du holde Kleine du?

Da draußen wogt die wilde See,
Da weh'n die Winde kühl;
Du bettest mich, o milde Fee,
In blumiges Gewühl!
Da draußen ist das Leben hohl
Und leer und blütenarm,
Bei dir so traulich freudevoll,
So reich und liebewarm!

D'rum denk' ich nicht von fern daran,
Daß ich dich lassen soll;
In deiner Liebe Zauberbann
Behagt mir's allzuwohl.
Es hält sein Glück der Weise fest,
Und bettet d'rin sich weich,
Und läßt der Liebe wonnig Nest
Nicht um ein Königreich!

Robert Hamerling (1830-1889)

Re: Gedichte

Jonas - 17.02.2007, 13:24

Heinrich Heine

Da hab ich viel blasse Leichen
Beschworen mit Wortesmacht;
Die wollen nun nicht mehr weichen
Zurück in die alte Nacht.

Das zähmende Sprüchlein vom Meister
Vergaß ich vor Schauer und Graus;
Nun ziehn die eignen Geister
Mich selber ins neblichte Haus.

Laßt ab, ihr finstern Dämonen!
Laßt ab, und drängt mich nicht!
Noch manche Freude mag wohnen
Hier oben im Rosenlicht.

Ich muß ja immer streben
Nach der Blume wunderhold;
Was bedeutet' mein ganzes Leben,
Wenn ich sie nicht lieben sollt?

Ich möcht sie nur einmal umfangen
Und pressen ans glühende Herz!
Nur einmal auf Lippen und Wangen
Küssen den seligsten Schmerz!

Nur einmal aus ihrem Munde
Möcht ich hören ein liebendes Wort -
Alsdann wollt ich folgen zur Stunde Euch,
Geister, zum finsteren Ort.

Die Geister haben's vernommen,
Und nicken schauerlich.
Feins Liebchen, nun bin ich gekommen;
Feins Liebchen, liebst du mich?

Re: Gedichte

witty - 20.02.2007, 23:27

Ich bringe heute mal ein Gedicht von einem von mir persönlich sehr verehrten türkischen Dichter.

Die Sache mit Tahir und Zühre

Es ist keine Schande, Tahir zu sein oder Zühre,
Es ist nicht einmal eine Schande, aus Liebe zu sterben,
Das Wichtigste ist, Tahir und Zühre sein zu können,
und zwar von Herzen.

Kann es eine Schande sein zu sterben?
zum Beispiel wenn man vor den Barrikaden kämpft,
zum Beispiel, wenn man aufbricht den Nordpol zu erkunden?
zum Beispiel, wenn man in seinen Andern ein Serum ausprobiert?

Es ist keine Schande weder Tahir zu sein noch Zühre,
Es ist nicht einmal eine Schande aus Liebe zu sterben.

Du liebst die Welt ohne Vorbehalt,
doch merkt sie es nicht,
du willst dich nicht trennen von dieser Welt,
doch sie wird sich trennen von dir,

also nur weil du den Apfel magst,
muss der Apfel dich nicht auch mögen,
was würde Tahir von seiner Eigenschaft als Tahir einbüssen,
wenn Zühre sagen wir, Tahir nicht mehr liebt
oder nie geliebt hätte?
Es ist keine Schande weder Tahir zu sein noch Zühre,
Es ist nicht einmal eine Schande, aus Liebe zu sterben.

Nazim Hikmet

Re: Gedichte

Jonas - 23.02.2007, 08:16

Eduard Mörike - Frühling

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

Re: Gedichte

lennox - 02.03.2007, 16:23
die internationale
[udDie internationale[/u] (deutscher text von emil luckhardt, 1910)

wacht auf, verdammte dieser erde,
die stets man noch zum hungern zwingt!
das recht wie glut im kraterherde
nun mit macht zum durchbruch dringt.
reinen tisch macht mit den bedrängern!
heer der sklaven, wache auf!
Ein nichts zu sein, tragt es nicht länger
alles zu werden, strömt zuhauf!

|: völker, hört die signale!
auf zum letzten gefecht!
die internationale
erkämpft das menschenrecht.

es rettet uns kein höh'res wesen,
kein gott, kein kaiser, noch tribun
Uns aus dem elend zu erlösen
können wir nur selber tun!
leeres wort: des armen rechte,
leeres wort: des reichen pflicht!
unmündig nennt man uns und knechte,
duldet die schmach nun länger nicht!

|: völker, hört die signale!
auf zum letzten gefecht!
die internationale
erkämpft das menschenrecht.

In stadt und land, ihr arbeitsleute,
wir sind die stärkste der partei'n
die müßiggänger schiebt beiseite!
diese welt muss unser sein;
unser blut sei nicht mehr der raben,
nicht der nächt'gen geier fraß!
erst wenn wir sie vertrieben haben
dann scheint die Sonn' ohn' unterlass!

|: völker, hört die signale!
auf zum letzten gefecht!
die internationale
erkämpft das menschenrecht.

Re: Gedichte

Hausdrache - 04.03.2007, 17:39

das land
wo milch und honig
fließen
ist keine
geographische
bestimmung
sondern
ein zustand
der seele

------------------------------

das weiche
grüne
fallen
mit dir -
wie ein fallen
aus der einen
hand gottes
in seine
andere

© i.s. blumen1

Re: Gedichte

Hausdrache - 11.03.2007, 19:37

Louize Labe (1525-1566)

Küss mich noch einmal, küß mich wieder, küsse
mich ohne Ende. Diesen will ich schmecken,
in dem will ich an deiner Glut erschrecken,
und vier für einen will ich, Überflüsse

will ich dir wiedergeben. Warte, zehn
noch glühendere; bist du nun zufrieden?
O daß wir also, kaum mehr unterschieden,
glückströmend ineinander übergehn.

In jedem wird das Leben doppelt sein.
Im Freunde und in sich ist einem jeden
jetzt Raum bereitet. Laß mich Unsinn reden:

Ich halt mich ja so mühsam in mir ein
und lebe nur und komme nur zu Freude,
wenn ich, aus mir ausbrechend, mich vergeude.

wub

Re: Gedichte

Seelchen - 13.03.2007, 15:40

Flecke

Gott, voller Weisheit, hehr und mild
schuf uns nach seinem Ebenbild
Gewiß, wir Menschen sind gescheit,
doch wo ist unsre Menschlichkeit?
Erscheint uns jemand edel, groß,
so täuscht das: er verstellt sich bloß!
Erst wenn er Böses tut und spricht,
zeigt er sein wahres Angesicht!-

Um obiges nun zu beweisen,
laßt alphabetisch uns verreisen,
dann kann man sehn, was so geschah!
Wir fangen vorne an, bei A !!!

A (Amerika)

Amerika, du Land der Super-
lative und dort, wo James Cooper
zwar seinen "Lederstrumpf" verfaßte,
man aber die Indianer haßte,
weshalb man sie, halb ausgerottet,
in Reservaten eingemottet,
sich dafür aber Schwarze kaufte,
sie schlug und zur Belohnung taufte,
doch heute meidet wie die Pest,
sie aber für sich sterben läßt-
wie beispielgebend stehst du da
für Menschlichkeit! O USA!

B (Briten)

Jedoch auch sie, die vielen Briten,
die Schott- und Engländer, sie bieten
für unser Thema Menschlichkeit
so manchen Stoff seit alter Zeit!
Nur waren's statt Indianer Inder,
die sie ermordeten, auch Kinder;
und ähnlich Schreckliches erfuhren
danach die Iren und die Buren,
die man durch den Entzug des Fetts
verschmachten ließ in den Kazetts!
Jedoch bei Völkern, welche siegen,
wird sowas immer totgeschwiegen...

C (Christen)

Dann wäre da, bar jeden Ruhms,
so manche Tat des Christentums,
die, eben wegen seiner Lehre,
am besten unterblieben wäre!
Man denke da zum Beispiel an
Inquisition zuerst und dann
an Waffensegnung mit Gebeten,
um andre Gläubige zu töten!
Auch dieses: lieber Menschenmassen
verelenden und hungern lassen,
statt man Geburtenreglung übe-
auch das zeugt nicht von Menschenliebe!

D (Deutschland)

Nun: Wollt ihr, daß im Alphabet
es mit dem D jetzt weitergeht?
Ist es nicht besser, wenn ich ende?
Wascht nur in Unschuld eure Hände
und greift, kraft eigenen Ermessens,
zum güt'gen Handtuch des Vergessens...

Doch hilft das Waschen nicht und Reiben:
Die Flecke bleiben!

Heinz Erhardt ;)

Re: Gedichte

Jonas - 15.03.2007, 12:14

Rainer Maria Rilke - die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, dass ich Das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

... jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiß was ich noch gestern war.

Re: Gedichte

Spargel - 17.03.2007, 12:12

Der Zauberlehrling (Johann Wolfgang Goethe)

Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
Merkt ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu ich Wunder auch.

Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.

Und nun komm, du alter Besen,
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen:
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!

Walle! walle
Manche Strecke,
Daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er läuft zum Ufer nieder!
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!

Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! -
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen!
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach, und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein!

Nein, nicht länger
Kann ichs lassen:
Will ihn fassen!
Das ist Tücke!
Ach, nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!

O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!

Willst am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten!

Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe.
Wahrlich! brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

Und sie laufen! Naß und nässer
Wirds im Saal und auf den Stufen:
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister, hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los.

"In die Ecke,
Besen! Besen!
Seids gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister."

Re: Gedichte

Hausdrache - 20.03.2007, 15:33

Manfred Ach

Hautnah

Wenn du nahe bist,
Augenweide, Gluthauch,

wenn dein pochendes Blut
meine Ohren öffnet,

wenn meine Fieberhaut
dich anrühren kann

und dein Atem
meine Hände führt,

wenn die Worte versagen
- und beinahe das Herz -,

geb ich gerne alles dran.
Wie Schnee, der schmilzt.

Re: Gedichte

Seelchen - 20.03.2007, 17:36

Was ist Liebe?

Es ist Unsinn,
sagt die Vernunft

Es ist was es ist,
sagt die Liebe.

Es ist Unglück,
sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz,
sagt die Angst.
Es ist aussichtslos,
sagt die Einsicht.

Es ist was es ist,
sagt die Liebe.

Es ist lächerlich,
sagt der Stolz.
Es ist Leichtsinn,
sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich,
sagt die Erfahrung.

Es ist was es ist,
sagt die Liebe.

Erich Fried

Re: Gedichte

Hausdrache - 20.03.2007, 17:38

ah... Seelchen, dass passt wie die Faust auf's Auge in den "Liebe-Strang". :twisted:

Re: Gedichte

Seelchen - 20.03.2007, 17:41

Hausdrache hat folgendes geschrieben: ah... Seelchen, dass passt wie die Faust auf's Auge in den "Liebe-Strang". :twisted:

Hab der Einfachheit halber, verlinkt. ;)

Re: Gedichte

Hausdrache - 21.03.2007, 14:16

Gioconda Belli (* 1948)

Schokoladenlust

Ein dunkles Schokoladenviereck
übt auf die Zähne
den gleichen sinnlichen Reiz aus
wie Matsch auf die mutwilligen
Füße der Kindheit.

Auf der Zunge lockt die dichte,
dunkle Masse
Speichel aus roten Gräben.
Die Schokolade löst sich süß
in zähen Schlamm
liebkost man bedächtig
die Kanten
des Täfelchens, bis es
Aromen, Erinnerungen und Blumen
den entspannten Papillen preisgibt.

Schokoladenströme
fließen über Zahnfleisch,
dringen in Zwischenräume,
Und die Lust - die wir als flüchtig kennen -
dreht, im Mund gefangen, ihre Runden.
Jetzt, da ich dich nicht habe,
verzehre ich Schokolade
um mich, ganz legitim
und ohne Schuld,
dem Eros hinzugeben.

Schokolade essend denk ich
Biss um Biss
an deine Haut
denke an deine Beine
deine Füße
denke an die
Leckerbissen
des Lebens.

Re: Gedichte

Hausdrache - 24.03.2007, 13:21

William Shakespeare (1564-1616)

Sonett 52 smatch1

Dem reichen Manne gleich’ ich, der im stillen
den Schlüssel führt zu den geheimen Schätzen,
die er dem eignen Blick nicht will enthüllen,
daß nicht Gewöhnung stumpfe das Ergötzen.

Darum sind seltne Feste so begehrt,
die glänzend doch das ganze Jahr bescheinen,
wie durch Juwelen von besondrem Wert
gemehrt der Glanz wird an den andren Steinen.

So wahre ich dich in dem Schrein der Zeit,
wie Festgewand dich sorgsam zu verschließen,
um, wenn es Zeit ist, deine Herrlichkeit
in der Enthüllung gänzlich zu genießen.

Gesegnet bist du, der die Lust mir weckt,
wenn offen du – mein Hoffen, wenn verdeckt.

Re: Gedichte

Hausdrache - 26.03.2007, 14:57

Leuchtende und schöne Augen herz1

Leuchtende und schöne Augen,
wie kommt es, daß im selben Augenblick
aus euch so viele neue Formen sich gebären?

Traurig, froh, demütig, stolz, hochmütig
zeigt ihr euch im selben Augenblick,
so daß ihr mich zugleich mit Furcht und Hoffnung füllt.

Und so viele süße, wilde, bittere
Effekte kommen dann im Herzen, das für euch
verbrannt, wann immer ihr es wollt, zusammen.

Ihr, o Augen, seid mein Leben, seid mein Tod,
ihr glücklichen und sanften, lieben Augen,
drum mögt ihr immer heiter bleiben, froh und hell.

Veronica Gambara (1485-1559)

Re: Gedichte

Hausdrache - 26.03.2007, 22:25

Clara Müller (1861-1905)

Vorbei

Und wenn du wieder zu mir trätest
und weinend um Verzeihung bätest,
es wird doch nimmer, wie es war:
das Glück ist tot, das wir genossen,
die Blüte, die sich uns erschlossen,
ist nun verwelkt, für immerdar.

Mir würde stets vor Augen stehen,
wie ich so maßlos dich gesehen
im Zorn, dem jeder Grund gebrach -
und bei dem Kuß von deinem Munde
gedächt ich doch der bösen Stunde,
als er so bittre Worte sprach.

In jener Stunde sank für immer
der fromme Glaube mir in Trümmer,
daß du mein Bild im Herzen trugst,
daß ich dein tiefstes Sein besessen - - -
vergeben kann ich - nicht vergessen:
die Wunde brennt, die du mir schlugst.

Nein, geh: ich hab es überwunden,
den Frieden hab ich jetzt gefunden,
den deine Liebe mir nicht gab.
Geh hin, vor deinen Gott zu treten -
und wenn ich sterbe, magst du beten
und weinen über meinem Grab.

Re: Gedichte

Hausdrache - 27.03.2007, 15:28

Max Dauthendey (1867-1918)

Von dir lachen noch meine Träume

Dein Leib ist reich gewirkt
wie ein Feld voll Honig
und königlicher Blumen
Und kommt weich und heimlich
wie der Mond in mein Bett.

Von dir lachen noch meine Träume
und bewachen dich.
Und wie die Hähne kämpfen
mit erhitztem Sporn,
So töt' ich den,
der dich im Traum begehrt.

Re: Gedichte

Spargel - 28.03.2007, 12:16

Die Bücherverbrennung (Bertolt Brecht)

Als das Regime befahl, Bücher mit schädlichem Wissen
Öffentlich zu verbrennen, und allenthalben
Ochsen gezwungen wurden, Karren mit Büchern
Zu den Scheiterhaufen zu ziehen, entdeckte
Ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der
Verbrannten studierend, entsetzt, daß seine
Bücher vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch
Zornbeflügelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber.
Verbrennt mich! schrieb er mit fliegender Feder, verbrennt
mich!
Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht übrig! Habe ich nicht
Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt
Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! Ich befehle euch,
Verbrennt mich!

Re: Gedichte

Hausdrache - 02.04.2007, 13:52

Manfred Ach

BUCHSTÄBLICH

Mein Tagebuch,
mein Nachtbuch.

Ich streichle deinen Rücken,
bemale dein Schulterblatt.

Ich öffne dich
mit hastigen Fingern.

Ich blättere in dir
bis zu der Stelle
der letzten Eintragung.

Ich liefere mich aus.
Mag kommen, was kommt.

Re: Gedichte

Hausdrache - 04.04.2007, 00:42

Max Dauthendey (1867-1918)

Nie war die eine Liebesnacht
in deinem Schoß
der andern gleich

Nie war die eine Liebesnacht
In deinem Schoß der andern gleich,
Dein Leib ist ein Septembermond
An immer neuen Früchten reich.

Die Brüste sind ein Traubenpaar,
Und drinnen pocht der junge Wein,
Die Augen sind ein Himmelstor
Und lassen meine Wünsche ein.

Re: Gedichte

lennox - 04.04.2007, 14:02

bertold brecht/entdeckung an einer jungen frau

des morgens nüchterner abschied, eine frau
kühl zwischen tür und angel, kühl besehn
da sah ich: eine strähn in ihrem haar war grau
ich konnt mich nicht entschließen mehr zu gehn

stumm nahm ich ihre brust, und als sie fragte
warum ich, nachtgast, nach verlauf der nacht
nicht gehen wolle, denn so war's gedacht
sah ich sie unumwunden an und sagte

ist's nur noch eine nacht, will ich noch bleiben
doch nütze deine zeit, das ist das schlimme
daß du so zwischen tür und angel stehst

und laß uns die gespräche rascher treiben
denn wir vergaßen ganz, daß du vergehst
und es verschlug begierde mir die stimme

Re: Gedichte

Hausdrache - 04.04.2007, 14:15

Ach, der gute Brecht. Hier mein Lieblings-Gedich von ihm:

Morgens und abends zu lesen wub

Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Daß er mich braucht.

Darum gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte von jedem Regentropfen
Daß er mich erschlagen könnte.

Re: Gedichte

Seelchen - 05.04.2007, 16:57

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorten sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt's im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen, finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden;
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß in Breit' und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein."

Johann Wolfgang von Goethe

Re: Gedichte

carabao - 05.04.2007, 17:52

Ich habe diesen Thread gerade erst entdeckt. Hochachtung Leute.
Hausdrache hat folgendes geschrieben: Ach, der gute Brecht.
Dann auch mal aus der Geburtsstadt des Grosssen BB etwas von ihm:

In den finsteren Zeiten
Wird da auch gesungen werden?
Da wird auch gesungen werden.
Von den finsteren Zeiten.

Sie sprechen wieder von den grossen Zeiten
(Anna weine nicht)
Der Kraemer wird uns ankreiden.

Sie sprechen wieder von Ehre
(Anna weine nicht)
Da ist nichts im Schrank, was zu holen waere.

Sie sprechen wieder von Siegen
(Anna weine nicht)
Sie werden mich schon nicht kriegen.

Es ziehen die Heere
(Anna weine nicht)
Wenn ich wiederkehre
Kehr ich unter andern Fahnen wieder.

Re: Gedichte

Seelchen - 05.04.2007, 18:13

Das Einzige, was ich von Brecht wirklich mag...am besten noch von Louis Armstrong, leider nur in englisch, gesungen :oops:

Die Moritat von Mackie Messer

Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.

Und es sind des Haifischs Flossen
Rot, wenn dieser Blut vergiesst
Mackie Messer trägt'nen Handschuh
Drauf man keine Untat liest.

An der Themse grünem Wasser
Fallen plötzlich Leute um
Es ist weder Pest noch Cholera
Doch es heisst: Mackie geht um.

An'nem schönen blauen Sonntag
Liegt ein toter Mann am Strand
Und ein Mensch geht um die Ecke
Den man Mackie Messer nennt.

Und Schmul Meier bleibt verschwunden
Und so mancher reiche Mann
Und sein Geld hat Mackie Messer
Dem man nichts beweisen kann.

Jenny Towler ward gefunden
Mit'nem Messer in der Brust
Und am Kai geht Mackie Messer
Der von allem nichts gewusst.

Wo ist Alfons gleich, der Fuhrherr?
Kommt das je ans Sonnenlicht?
Wer es immer wissen könnte
Mackie Messer weiss es nicht.

Und das grosse Feuer in Soho
Sieben Kinder und ein Greis
In der Menge Mackie Messer, den
Man nicht fragt, und der nichts weiss.

Und die minderjähr'ge Witwe
Deren Namen jeder weiss
Wachte auf und war geschändet
Mackie welches war dein Preis?

Berthold Brecht

Re: Gedichte

Hausdrache - 06.04.2007, 12:18

Klaus Ender

Lust... :D

Die nackte Haut – sie zeigt Erregung,
Erotik ist der Grund
und in die Seele kommt Bewegung,
die Sehnsucht tut sich kund.

Es knistert in den Haaren,
der Atem geht ganz schwer,
denn das, was wir erfahren,
das brandet wie das Meer.

Die Wellen der Gefühle,
sie treffen dich und mich,
trotz Nacktheit spürt man Schwüle,
man ist ganz außer sich.

Der Sinn des sich Begehrens
liegt ganz real geseh’n,
im Nachwuchs-sich-Bescherens
als Weltenlauf-Geschehn.

Re: Gedichte

Mutlu - 06.04.2007, 18:01

Sei wie ein Fluss (im Überfluss) bei tätiger Freigiebigkeit und Hilfe
Sei wie die Sonne in (im Verbreiten von) Erbarmen und Güte
Sei wie die Nacht im Verdecken der Fehler von anderen.
Sei wie ein Toter hinsichtlich Fanatismus und Harschem.
Sei wie der Erdboden in Bescheidenheit und Genügsamkeit.
Sei wie das Meer in Geduldsamkeit.
Zeig dich entweder so, wie du bist oder sei so, wie du dich zeigst.

Dschalaleddin Rumi

Re: Gedichte

carabao - 06.04.2007, 18:16

Seelchen hat folgendes geschrieben: Das Einzige, was ich von Brecht wirklich mag...am besten noch von Louis Armstrong, leider nur in englisch, gesungen :oops:
Schade, Brecht hat sehr viel geschrieben. Ich mag am liebsten die Geschichten vom Herrn Keuner.

Hier aber nochmal etwas IMHO passendes zum Forum:

Friedenslied

Friede auf unserer Erde!
Friede auf unserem Feld!
Dass es auch immer gehoere
Dem, der es gut bestellt!

Friede in unserem Lande!
Friede in unserer Stadt.
Dass sie den gut behause
Der sie gebauet hat!

Friede in unserem Hause!
Friede im Haus nebenan!
Friede dem friedlichen Nachbarn
Dass jedes gedeihen kann!

Friede dem Roten Platze!
Und dem Lincolnmonument!
Und dem Brandenburger Tore
Und der Fahne, die drauf brennt!

Friede den Kindern Koreas!
Und den Kumpeln an Neisse und Ruhr!
Friede den New Yorker Schoffoeren
Und den Kulis von Singapur!

Friede den deutschen Bauern!
Und den Bauern am Grossen Banat!
Friede den guten Gelehrten
Eurer Stadt Leningrad!

Friede der Frau und dem Manne!
Friede dem Greis und dem Kind!
Friede der See und dem Lande
Dass sie uns guenstig sind!

Bert Brecht

Re: Gedichte

Torsten - 07.04.2007, 19:56
Uns're Kanzlerin
Uns're Kanzlerin
(Melodie wie "Eine Seefahrt, die ist lustig")

Uns're Kanzlerin ist lustig,
uns're Kanzlerin ist schön,
ja man kann sie in der Nähe
und der Ferne kanzlern seh'n

Holahi, holaho, holahiahiahia, holaho!

Na, was kanzlert denn die Gute,
für wen kanzlert die denn so?
Für das Volk gibt es die Knute,
Aktionäre werden froh.

Holahi, holaho, holahiahiahia, holaho!

Kanzlert Reichtum für die Reichen,
Elend für's "Prekariat".
Geht dafür auch über Brücken
im "sozialen" Bundesstaat.

Holahi, holaho, holahiahiahia, holaho!

Kanzlert Sicherheit und hindert
die Bedrohungen gar sehr
durch Wanzen, Spitzel und im Innern,
wenn's rumort, die Bundeswehr.

Holahi, holaho, holahiahiahia, holaho!

Und sie kanzlert auch sehr mächtig
alle Terroristen ab.
Mit dem Bush bringt sie so prächtig
Krieg und Rüstung rasch auf Trab.

Holahi, holaho, holahiahiahia, holaho!

Doch auch sie kanzlert nicht ewig,
einmal hat das Volk sie satt.
Firmen wie Gasprom sorgen gnädig,
daß sie was zu beißen hat.

Holahi, holaho, holahiahiahia, holaho!

Re: Gedichte

stranger one - 07.04.2007, 20:55

FRAGEN EINES LESENDEN ARBEITERS

Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon,
Wer baute es so viele Male auf ? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war,
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhaften Atlantis
Brüllten doch in der Nacht, wo das Meer es verschlang,
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.
Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?
Jede Seite ein Sieg.
Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlte die Spesen?

So viele Berichte,
So viele Fragen.

Bertolt Brecht

Re: Gedichte

Hausdrache - 08.04.2007, 00:19

Erich Fried (1921-1988)

In einem anderen Land

Ich kann vielleicht
deine Brüste nachbilden
aus meinem Kissen
für meine Zunge
für meine Lippen
und für meine Hände
damit sie besser
denken können an dich

Ich kann vielleicht
deinen Schoß nachbilden
aus meinem Kissen
für mein Geschlecht
für meinen Mund
und für mein ganzes Gesicht
damit es sich besser
vergraben kann in seine Sehnsucht

Aber deine Augen
kann ich
aus nichts nachbilden
auch deine Stimme nicht
nicht deinen Atem
nicht deinen Geruch
und keine einzige
von deinen Bewegungen

Und meine Hände
meine Lippen
meine Zähne
und meine Zunge
und auch mein Geschlecht -
das alles
will nur dich
und keinen Ersatz für dich

Und auch deine Brüste
kann ich nicht wirklich nachbilden
und auch nicht deinen Schoß
und wenn ich es versuche
werde ich immer
nur traurig
und du
fehlst mir noch mehr

Re: Gedichte

Seelchen - 08.04.2007, 13:37

Die Beschwörung

Der junge Franziskaner sitzt
Einsam in der Klosterzelle,
Er liest im alten Zauberbuch,
Genannt der Zwang der Hölle.

Und als die Mitternachtstunde schlug,
Da konnt er nicht länger sich halten,
Mit bleichen Lippen ruft er an
Die Unterweltsgewalten.

Ihr Geister! holt mir aus dem Grab
Die Leiche der schönsten Frauen,
Belebt sie mir für diese Nacht,
Ich will mich dran erbauen.

Er spricht das grause Beschwörungswort,
Da wird sein Wunsch erfüllet,
Die arme verstorbene Schönheit kommt,
In weißen Laken gehüllet.

Ihr Blick ist traurig. Aus kalter Brust
Die schmerzlichen Seufzer steigen.
Die Tote setzt sich zu dem Mönch,
Sie schauen sich an und schweigen.

Heinrich Heine

Re: Gedichte

Hausdrache - 09.04.2007, 21:44

Manfred Ach

Tastatur

Dich berühren,
dir etwas entlocken,

eine Offenbarung
durch Fingerspitzen,

ein Anschlag
aufs Leben,

eine Erweckung
vom Tod.

Re: Gedichte

witty - 12.04.2007, 16:11

wenn die ersten sonnenstrahlen mein gesicht streicheln
die düfte des meeres meine nase umschmeicheln
wenn der tau schmilzt von all den pflanzen
die schmetterlinge ihren reigen tanzen
die vögel mit ihrem gesang berauschen
die blumen den wunderbaren tönen lauschen
dann ist die zeit gekommen
in der meiner seele flügel wachsen
um schnell zu dir zu fliegen
um den zauber des augenblicks zu geniessen
und mich in deinen armen zu wiegen
bis in alle ewigkeit…

Ein Gedicht von mir, dass mir heute früh eingefallen ist :D
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