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Re: Die Geschichte von Won-hyo [617-686]
qilin - 13.09.2006, 21:55
Die Geschichte von Won-hyo [617-686]
Vor fast 1400 Jahren lebte in der Provinz in Korea ein junger Mann namens Won-hyo.
Während eines Bürgerkriegs sah er, wie viele seiner Freunde getötet und viele Häuser
zerstört wurden. Von der Leere dieses Lebens überwältigt, schor er seinen Kopf und
ging in die Berge, um das Leben eines Einsiedlers zu führen. Dort las er die Sutren
und hielt peinlich genau alle Vorschriften ein - aber die wahre Bedeutung des Dharma
erschloss sich ihm nicht. Er dachte, dass er in China einen Ch'an-Meister finden und
mit seiner Hilfe zur Erleuchtung gelangen könnte, schnürte sein Bündel und machte
sich auf den Weg.
Lange wanderte er durch die nördliche Wüste - er war den ganzen Tag unterwegs und
rastete am Abend. Einmal machte er halt in einer kleinen Oase, wo ein paar Bäume
wuchsen. Müde sank er unter einem davon nieder und schlief ein. Mitten in der Nacht
weckte ihn der Durst, es war aber stockdunkel. Er tappte herum, um Wasser zu finden,
und seine suchenden Hände berührten eine Schale. Er hob sie auf, hörte Wasser darin
schwappen und trank. Es war köstlich... Er legte die Hände zusammen und verbeugte
sich in Dankbarkeit.
Am Morgen wachte er auf und sah, was er für eine Schale gehalten hatte - es war ein
zertrümmerter Totenschädel, voll von verkrustetem Blut, und an den Backenknochen
hingen vertrocknete Fleischfetzen. In dem trüben Wasser darin krabbelte es... Den
jungen Mann überwältigte der Ekel - und als er sich würgend übergab, öffnete sich
sein Geist und er verstand. In der Nacht hatte er nicht gedacht und nicht gesehen -
da war das Wasser köstlich erfrischend gewesen. Am Morgen hatten ihn Sehen und
Denken zum Erbrechen gebracht. Er sagte zu sich "Denken schafft Gut und Böse,
Leben und Tod. Denken bringt den Kosmos hervor, beherrscht alles. Ohne Denken
gibt es keinen Kosmos, keinen Buddha, kein Dharma. Alles ist Eins, und dieses Eine
ist leer." Nun war es nicht mehr notwendig, nach einem Meister zu suchen - Won
Hyo verstand bereits Leben und Tod; was gab es da noch zu lernen? Er kehrt um
und wanderte durch die Wüste zurück nach Korea.
In den folgenden 20 Jahren wurde Won-hyo zum berühmtesten Mönch des Landes,
zum vertrauten Berater des mächtigen Königs der Silla und zum Lehrer der großen
und mächtigen Adelshäuser. Wenn er einen Vortrag hielt, platzte die große Halle
des Tempels aus allen Nähten. Der Tempel war gut ausgestattet, zu seinen Schülern
zählten hervorragende Gelehrte, seine Tafel war reich gedeckt, und nachts schlief er
den traumlosen Schlaf des Gerechten.
Damals gab es noch einen Ch'an-Meister im Reiche der Silla - ein kleiner Alter,
mit einem Bart wie ein Büschel Gras und einer Haut wie zerknittertes Papier.
Barfuß und in einer zerlumpten Kutte kam er in die Städte und läutete mit einer
Glocke: "De-an, de-an, de-an (d.h. 'Friede'), denk' nicht, de-an, so ist es, de-an,
stiller Geist, de-an, de-an."
Als Won-hyo von ihm hörte, wanderte er in die Berge zu der Höhle, in der der Alte
lebte. Schon von fern konnte er einen lieblichen Gesang hören - als er aber bei der
Höhle ankam, fand er den Meister weinend neben einem toten Rehkitz sitzen. Won
Hyo war konsterniert - wie konnte ein erleuchteter Meister glücklich oder traurig
sein? Im Zustand des Nirvana gibt es nichts, worüber jemand glücklich oder traurig
sein könnte, und niemand, der glücklich oder traurig ist - er blieb sprachlos stehen.
Schließlich fragte er den Einsiedler nach seinem Kummer.
Der Meister erklärte es ihm - er hatte das Rehkitz gefunden, als seine Mutter von
Jägern getötet worden war, und es war hungrig. Er war also in die Stadt gegangen
und hatte um Milch gebettelt. Er wusste, dass niemand ihm Milch für ein Tier
geben würde - so sagte er, die wäre für seinen Sohn. "Ein Mönch mit einem Sohn?
Was für ein dreckiger alter Kerl!" dachten die Leute - aber einige wenige gaben ihm
doch etwas Milch. Ein ganzes Monat konnte er genug erbetteln, um das Tierchen am
Leben zu erhalten. Dann hatte der Skandal so weite Kreise gezogen, dass niemand
mehr etwa geben wollte. Zuletzt war er drei Tage auf der Suche nach etwas Milch
unterwegs gewesen, bis er endlich etwas bekommen hatte - als er zur Höhle zurück
gekommen war, war das Kitz bereits tot.
"Das verstehst du nicht," sagte er - "mein Geist und das Rehkitz waren Eins. Es war
sehr hungrig, 'Ich will Milch, ich will Milch!' - jetzt ist es tot. Sein Geist ist mein Geist,
und darum weine ich: Ich will Milch."
Won-hyo begann zu verstehen - was für ein Bodhisattva! Wenn alle Lebewesen
glücklich waren, war er glücklich; wenn alle traurig waren, war er traurig. Er sagte:
"Bitte - lehre mich."
Der Alte nickte. "Gut. Komm."
Er führte ihn in die Stadt zurück - nicht in den Tempel, sondern ins Weidenviertel.
Er nahm Won-hyo's Arm und zog ihn zum Eingang eines Teehauses. " De-an,
de-an" läutete er. Eine schöne Frau öffnete. "Heute habe ich Besuch gebracht -
den berühmten Mönch Won-hyo."
"Oh - Won-hyo!?" rief die Frau erstaunt aus. Won-hyo lief rot an. Auch die Frau
errötete und ihre Augen wurden groß. Sie führte ihn ins Haus, voller Aufregung,
aber überglücklich, dass der berühmte Mönch zu ihr gekommen war. Als sie Wein
und Fleisch für die Besucher zubereitete, sagte der Alte zu Won-hyo: "Zwanzig
Jahre warst du in der Gesellschaft von Prinzen und Königen, Adeligen und
Mönchen. Für einen Mönch ist es nicht gut, die ganze Zeit im Himmel zu leben.
Er muss auch die Hölle besuchen und die Menschen dort retten, die ihrer Gier
frönen. Auch die Hölle ist so 'wie dies'. Heute Nacht wirst du mit diesem Wein
geradewegs zur Hölle fahren."
"Aber ich habe noch nie auch nur eine Vorschrift missachtet," sagte Won-hyo.
"Gute Reise," erwiderte der Meister. Dann drehte er sich zu der Frau um und
sagte streng: "Weißt du nicht, dass es eine Sünde ist, einem Mönch Wein zu
geben? Hast du keine Angst vor der Hölle?"
"Nein," sagte die Frau, "Won-hyo wird kommen und mich retten."
"Eine gute Antwort!" sagte der Meister, und ging hinaus.
Won-hyo blieb über Nacht und brach mehr als eine Regel. Am Morgen zog er
nicht seine elegante Robe an, sondern lief tanzend durch die Straßen - barfuß
und in Lumpen. Er sang: "De-an, de-an! Der ganze Kosmos ist so. Was bist du?"
(Koreanische Zen-Geschichte, nach Ursula Baatz)
Re: Die Geschichte von Won-hyo [617-686]
Anonymous - 14.09.2006, 14:04
Na, das ist ja mal eine Geschichte, lieber qilin.
Wieder einmal hat dort jemand in der "Hölle" den "Himmel" gefunden.
Kannst Du bitte einen Link setzen, wo man mehr solcher Geschichten finden kann?
Liebe Grüsse
Bobo
Re: Die Geschichte von Won-hyo [617-686]
qilin - 14.09.2006, 16:35
Hallo Bobo -
leider weiß ich keinen solchen link - die Geschichte hier stammt aus einem längst vergriffenen
Zen-Buch von Ursula Baatz, einer Schülerin von Enomiya-Lassalle, meinem ersten Zen-Lehrer
(sie hat auch eine umfangreiche akademische Biographie von ihm geschrieben).
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