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Luki - 05.08.2006, 11:07
Karl Heinrich Waggerl
Meine letzte Fotoreportage brachte mich nach Wagrain, den langjährigen Wohnort des Schritstellers Karl H. Waggerl.
Der nachfolgende Artikel soll als Begleitlektüre zu den Fotografien verstanden werden. Er stellt die wichtigsten Hintergrundinformationen und räumt mit einem Vorurteil auf:


1. Waggerls Leben in Stationen

______________________________________________________________
Geboren 1897
Autoritäre Mutter, die ihn züchtigt
Künstlerisch interessierter Vater, den er liebt
Er ist in der Schule ein Aussenseiter,
spielt mit Todesgedanken
Lehrerseminar in Salzburg
Waggerl meldet sich freiwillig zum Kampfeinsatz im Ersten WeltkriegItalienische Front,
er schreibt ein Kriegstagebuch mit erschütternden Details
Waggerl gerät in Kriegsgefangenschaft
1920 wird er aus der Gefangenschaft entlassen
Er wird Pazifist und strenger Kriegsgegner
Er wird Lehrer in Wagrein
1925 krankheitsbedingtes Ende des Lehrberufs,
er beginnt intensiv zu schreiben
Karl legt sich einen zweiten Vornamen zu: Heinrich
1930: Erster Roman "Brot" erscheint
1940: der engagierte Künstler wird Wagrainer Bürgermeister
Ehrenpreis für Verdienste der Gemeinde Wagrain für seine Arbeit im Fremdenverkehr
Kontakte zu H. Hesse und S. Zweig
1973 Waggerl stirb bei einem Autounfall in Schwarzach
______________________________________________________________

Hesse: "Die eigentlich dichterischen Bücher in unserer Literatur werden immer seltener, aber die von Waggerl gehören zu ihnen."
In Österreich wurde Waggerl populär durch seine Romane und Fernsehauftritte, die zur Hochzeit seiner Popularität wöchentlich im ORF gesendet wurden. Begehrt waren seine Lesungen, wegen seiner ruhigen und großväterlichen Stimme.


2. Preise und Auszeichnungen

1934 Österreichischer Staatspreis
1967 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst

3. Breit gefächerte Interessen

Waggerl interessierte sich und übte auch aus...
... Buchbinderei
... Biologie der Pflanzen (in seinem großen Wagrainer Garten)
... Fotografie und Fotoentwicklung
... Linolschnitte und -Drucke
... Scherenschnitt
... Malerei und Aktzeichnung
... Mineralien
... Mikroskopie

Er war ein hervorragender Pflanzenkenner und Zeichner. Von seiner Frau fertigte er eine, heute berühmte Aktfotografie an. Dieses Foto findet ihr übrigens auch im Album! Sein Garten in Wagrain war einer der größten
und exotischsten in der Gegend.

4. Waggerl und die Politik

Häufig wird und wurde Waggerl mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Ihn als Nazi zu bezeichnen wäre aber völlig ungerechtfertigt und unüberlegt:
Als Hitler die Macht ergriff war Waggerl bereits Schriftsteller. Waggerls Öffentliche Äußerungen über politische Themen existieren praktisch nicht. Denn, er war einer der wenigen Literaten, die es schafften nur ihre Literatur sprechen zu lassen. Waggerl gab keine Statements über politische Fragen ab. "Lesen sie meine Bücher" war seine Antwort auf zahlreiche Journalistenfragen. Als die Nazis seine Literatur hochpriesen wehrte er sich nicht dagegen. Das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt. Aber welcher Autor würde sich schon wehren, wenn eine Gruppe von Leuten hergeht und sein Werk bewundert? Waggerl musste schließlich auch ökonomisch denken und es ist klar, dass seine bäuerlich- heimatlichen Romanthemen den Parteisympartisanten mehr als zusagten. Waggerl aber war, als er aus der italienischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrte überzeugter Pazifist. Was seine damaligen nationalsozialistischen Bewunderer ebenso wie die Leserschaft der Nachkriegszeit aber übersehen hatte war, dass seine Romane über das ländlich- regionale Themenspektrum hinausgehen. Er verpackt geschickt überregionale Themen in einen Mirkokosmos des Dorfes.

5. Seine einzige politische Stellungnahme

Im Zuge der Bücherverbrennung zogen die Nazis auch über Erich M. Remarques Roman "Im Westen Nichts Neues" her. Er wurde auf die Liste der verbotenen Literatur gesetzt. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Remarques hält einen Spiegel vor das grausame Gesicht des Ersten Weltkrieges und untergräbt damit die Kampfmoral.
Als Waggerl von dem Verbot erfährt, wehrt er sich wehement gegen diese Zensur. Er verteidigte Remarques, fisierte seine Position als Pazifist und lobte den Anti- Kriegsroman. Die Nazis dürften seine Reaktion zwar unwillig, aber zurückhaltend hingenommen haben. (siehe Foto im Album, mit dem Originaltext Waggerls)



So, nun seit ihr gerüstet, um den kurzen Rundgang durch Waggerls
Wohnhaus im Album anzutreten. unter www.lukipo.myphotoalbum.com
Leider wurden die Umlaute in diesem Text aus irgend einem technischen
Grund unlesbar. Aber ihr werdet sie schon entziffern können!
LuPo
Luki - 06.08.2006, 11:53

Noch ein Hinweis:

In St. Johann findet man 2 Waggerl - Andenken:
Einmal kommt einem der Schriftsteller vor der Sparkasse unter. Der Brunnen, der vor dem Eingang steht, ist von Zitaten und einem Portrait umgeben.
Geht man weiter in richtung Trafik und nach links in dern Schifferpark, steht man vor seiner Büste.

LuPo
Luki - 07.08.2006, 12:27

Nachdem Phil mir sagte,es wäre nett, ein paar Zitate von Waggerl hier zu lesen, habe ich folgende aufgetrieben:
Sie stammen aus:
Das Waggerl Lesebuch, Otto Müller Verlag Salzburg, 1984, Seite 45ff.




Zweifle, damit du nicht verzweifelst!

In der Natur ist weder Frage noch Antwort

Der hauptsächliche Wert der Religion besteht heutzutage darin, dem Menschen die schreckliche Erkenntnis seiner völligen Bedeutungslosigkeit zu ersparen.

Gott ist ein Echo:
Der Mensch schreit: "Not" und es tönt "Gott" zurück

Wenn du deinen Sohn lieb hast, zeuge ihn nicht!

Es ist besser, du gehst an deiner Liebe zugrunde, als, es wäre keine Liebe in der Welt!


LuPo
hatsch - 07.08.2006, 13:41
super Aussage
Zitat: Der hauptsächliche Wert der Religion besteht heutzutage darin, dem Menschen die schreckliche Erkenntnis seiner völligen Bedeutungslosigkeit zu ersparen.
hatsch - 07.08.2006, 13:57
Multitalent
Vielen Dank für die interessanten Eindrücke aus Waggerls Schaffen.

…Waggerl war wohl ein außerordentliches Multitalent.
Seine Frau war wirklich eine der schönsten Wagrainnerin, lebt sie noch?
Luki - 07.08.2006, 15:50

Nein, ist leider so um 1990 verstorben.
Luki - 07.08.2006, 18:07

Noch mehr Zitate:

1. Folgendes Zitat bedarf einer Erklärung:
Wie im oberen Artikel dargestellt, äußerte sich Waggerl politisch beinahe niemals. Im Folgenden lest ihr nun das original Zitat, welches die einzige politisch geneigte Aussage Waggerls darstellt (vgl. dazu: Punkt 5. im ersten Artikel, oben). Er verteidigt in einem Aufsatz mit dem Titel "In Salzburg nichts Neues" den Roman "Im Westen nichts Neues", in dem Remarques die Schrecken des Krieges detailreich schildert.
Die Nazis setzten den Roman auf die Schwarze Liste. Ein Nazi-Turnverein aus Salzburg zog in einem öffentlichen Schreiben über Remarques her.
Waggerl äußerte sich so:

"... Aber ist diese Kritik nicht zugleich ein Dokument der Gesinnung gewisser Recken, denen nur das Reck geblieben ist, jener Unentwegten, die den Krieg nicht nur überstanden, sondern auch mißverstanden haben und die es fertig brachten, das Wort 'Pazifist' in Deutschland zu einem Schimpfwort zu machen, während es doch nur ein Synonym für 'Mensch' sein sollte? ..."
"... Ich nehme Partei, zum erstenmal in meinem Leben! Ich nehme Partei für den unbekannten Soldaten. Man öffne sein Grab! Man lasse ihn reden, - ich will für immer stumm sein und zu ihm in die Grube steigen, wenn sein erstes Wort nicht lautet: Krieg dem Kriege!"

Ich empfehle dazu, den Roman von Remarques zu lesen!


2. Aus dem Kriegstagebuch 1917

"11. März
(...) Der Schnee ist aufgewühlt zu einer schmutzigbraunen, schaumigen Masse, weithin verstreut liegen Uniformfetzen und - frisches, hellrotes Fleisch. In den Maschen des Drahtverhaus hängt das Grauen. Ein Stück Kiefer mit blanker Zahnreihe, Hirn, Flisch, Sehnen, bloßgelegte Luftröhre, ein Fetzen roter Lunge - und Blut, helles, schaumiges Blut, das in schweren Tropfen im Schnee verschmilzt. (...)"


3. Aphorismen

Der Neid unserer Mitmenschen treibt uns mitunter zu Leistungen hinauf, die wir mit ihrem Wohlwollen nie erreicht haben würden.

Das Leben ist Tat, allein die Tat verzehrt den Täter.

Dies ist freilich auch wahr: Ein vollkommen guter Mensch wäre für nichts zu gebrauchen

Die übelste Meinung über die Weiber wird von ihnen selbst verfochten: - Daß man an einer einzigen genug haben könnte


4. Empfehlung

Wer jetzt ein wenig auf den Geschmack gekommen ist: Buchtip -

Karl H. Waggerl: "Ein Mensch wie Ich", Residenz Verlag Salzburg
Karl H. Waggerl: "Brot" (erstmals im Insel Verlag)
Karl H. Waggerl: "Heiteres Herbarium", Otto Müller Verlag Salzburg, 1950

LuPo
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