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Krümel - 06.08.2006, 13:30
Schicksalsromane
Ich habe schon mehrfach erwähnt, dass ich keine Schicksalsromane lese, nicht das ich zu kalt wäre und mir diese Schicksale nicht nahe gehen würden, gerade das Gegenteil ist der Fall. Wenn ich solche schrecklichen Erfahrungen lese, geht mir das noch näher ans Herz, im Fernsehen komme ich merkwürdiger Weise schneller damit zurecht, und ich selber leide daran. (Aus dem Grund bin ich ja keine Heilpraktikerin geworden, ich kann das einfach nicht, ich nehme alles mit ins Bett.)

Auch scheint mir das Schreiben eines Schicksalsroman mehr als Therapie für den Betroffenen, manches so denke ich, muss nicht unbedingt an die Öffentlichkeit, ist doch oft so persönlich, der Autor steht nackt und völlig entblöst da.

Einmal im Jahr lese ich allerdings ein Buch über den 2. Weltkrieg, das habe ich mir fest vorgenommen, da muss ich dann durch! (Dieses Jahr steht noch an: "Was für ein schöner Sonntag")

Was haltet ihr von Schicksalsromanen?
marilu - 06.08.2006, 14:04

Ab und zu brauche ich das schon. Es hilft mir immer, mein eigenes Leben wieder in die richtige Perspektive zu r?cken.
Ein Problem, das ich z.B. mit Lebensberichten habe, ist dass man h?ufig nicht wei?, wie hoch die Authenzit?t ist. Bei "Sklavin", das ja jetzt am Wochenende beendet habe, wird z.B. auch diskutiert, ob alle Angaben im Buch so stimmen oder bewusst manipuliert wurden, um mehr Aufmerksamkeit zu erlangen.

Deshalb freue ich mich dann immer wenn es ein Nachwrt oder einen Anhang mit Quellen und zus?tzlichem Material gibt.

Dass die Autoren sich oft ihre Erfahrungen von der Seele schreiben, ist doch nur verst?ndlich. Ein statthaftes Motiv f?r einen Lebensbericht. Zumal es ein wichtiger Schritt auf dem Weg ist, alles aufzuarbeiten.

Aber immer vertrage ich solche B?cher auch nicht...
Pippilotta - 06.08.2006, 14:19

Ich bin auch sehr skeptisch geworden ob dieser Flut von sogenannten "Erfahrungsromanen", die momentan die Bücherwelt überschwemmt.

Was vor Jahren mit "Nicht ohne meine Tochter" begann, ufert momentan aus und man muss wohl die Spreu vom Weizen trennen. Waren es damals moslemische Schicksale, so sind es heutzutage eher afrikanische.

Rein grundsätzlich lese ich - soferne es wirklich wahre und authentische sind - solche Bücher auch immer wieder. Wie Marilu schon erwähnte, holt es mich auf den Boden der Realität zurück und zeigt mir, wie relativ alle unsere Probleme so sind und dass wir nie vergessen sollen, wie gut es uns geht und wieviel es auf der Welt zu tun gibt.

Andererseits kann ich mich dem Eindruck nicht erwehren, dass aus diesen Geschichten viel Kapital geschlagen wird und nun auf diesen Zug viele aufspringen und glauben, auch was erzählen zu können.

Es werden natürlich auch viele Vorurteile geschürt und Verallgemeinerungen in die Welt gesetzt.
Das ist halt so eine Gratwanderung. Einerseits braucht man die Medien, um das Problem überhaupt publik und aufmerksam machen zu können, andererseits verliert es für mich doch an Glaubwürdigkeit, wenn die Personen dann von einer Show zur nächsten gereicht werden, und sich in ihrer Leiderfahrung gegenseitig übertrumpfen wollen. Das lehe ich eigentlich ab.
Katia - 06.08.2006, 17:24

Ich lese solche Bücher eigentlich auch nicht - ich kann noch nicht mal sagen, warum nicht. Es ist nicht so, dass mich soche Schicksale nicht berühren, es ist aber auch nicht so, dass ich davon nicht mehr abschalten kann. Vielleicht liegt es daran, dass ich Seelenstriptease nicht mag und mir wie ein Voyeur vorkomme oder daran, dass ich mich über solche Sachen lieber durch Reportagen informieren lasse.
Auch wenn ein erfolgreiches Buch meistes mehrere "Nachahmer" im Schlepptau hat, bewirken sie ja oft doch etwas - wer wußte z.B. vor ein paar Jahren schon bescheid über Beschneidungen afrikanischer Frauen?

Zweiter Weltkrieg ist bei mir eine Ausnahme - darüber lese ich eigentlich recht viel, auch wenn es fast immer in literarischer Form passiert. Über Anne Franks Tagebuch und noch mehr über dem Buch ihrer Helferin - Miep Gies - könnte ich immer wieder heulen.

@Heidi: "Was für ein schöner Sonntag", auch wenn das jetzt blöd klingt, ist relativ harmlos für einen KZ-Roman, erstens ist Semprun als politischer Gefangener im KZ verhältnismäßig gut gestellt und ein großer Teil des Romans beschäftigt sich mit den spanischen Kommunisten in der Nachkriegszeit.

Katia
Krümel - 06.08.2006, 19:06

Katia hat folgendes geschrieben: @Heidi: "Was für ein schöner Sonntag", auch wenn das jetzt blöd klingt, ist relativ harmlos für einen KZ-Roman, erstens ist Semprun als politischer Gefangener im KZ verhältnismäßig gut gestellt und ein großer Teil des Romans beschäftigt sich mit den spanischen Kommunisten in der Nachkriegszeit.

Aha, dann hab ich ja dieses Jahr Glück :wink: (Wie ist denn der Roman so insgesamt?)

Off Topic: Kennt eigentlich einer die Triologie, Ein bisschen Himmel, Ein bisschen Erde und :grübel1: entfallen. Das habe ich vor 25 Jahren gelesen, und würde das gerne wiederholen. Es handelt von einer jüdischen Familie, hatten die nicht auch einen Laden, ach ich weiß es leider nicht mehr :-( Aber gefallen hat es mir :thumleft:

Wenn ihr Lust habt, kann ich daraus auch einen Fred machen, Bücher über den 2. Weltkrieg :?:
Karthause - 06.08.2006, 19:46

Schicksalsromane lese ich schon hin und wieder. Allerdings mag ich es überhaupt nicht wenn diese erstunken und erlogen sind. :motz: Meistens kommt das ja immer erst viel später ans Tageslicht.
Im Juli habe ich in der BT-Leserunde "Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr" gelesen. Nun reicht es wieder für eine Weile. Das war ein Buch, bei dem ich das Handeln der Protagonistin stellenweisen nicht mehr verstehen konnte. Von da an habe ich das Buch nur noch fertig gelesen, mitfühlen konnte ich mehr so richtig. Ein Buch in dieser Richtung, das mir richtig gut gefiel, war "Wüstenblume". Die Folgebücher der Autorin konnten mich dann aber auch nicht mehr erreichen. Das schaute das Interesse am schnöden Mammon als Motiv des Schreibens auch hinter der einen oder anderen Buchseite hervor. Denn vom ersten Buch wurde doch immer wieder Passagen wiederholt.

Eigentlich lese ich dann eher Biografien. Die Menschen, um die es geht sind in der Regel auch schon tot oder erzählen nur von Passagen aus ihrem Leben. Auf Anhieb fällt mir da als positives Beispiel das Buch von Michael Degen "Nicht alle waren Mörder" ein. (Biografien von 20-jährigen Superstars, von Bohlens, Beckers, Ballacks und wie sie alle heißen, lasse ich gern links liegen.)

Bücher über den 2. Weltkrieg habe ich immer mit viel Interesse gelesen.
marilu - 06.08.2006, 19:56

@Krümel:

Ich glaube du meinst Janina David

Band 1: "Ein Stück Himmel"
Band 2: "Ein Stück Erde"
Band 3: "Ein Stück Fremde".

Ich kenne nur den 1. Band, fand ihn aber sehr gut zu lesen. Allerdings ist es schppn 6 Jahre her, seit ich ihn las. Details sind mir entfallen.
Karthause - 06.08.2006, 20:03

Gerade habe ich mir die Bücher bei Amazon angesehen. Das liest sich sehr interessant. In der Art, ohne Effekthascherei und Superhelden, lese ich über den 2. WK am liebsten.
Anonymous - 06.08.2006, 20:35

karthause hat folgendes geschrieben: Im Juli habe ich in der BT-Leserunde "Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr" gelesen. Nun reicht es wieder für eine Weile. Das war ein Buch, bei dem ich das Handeln der Protagonistin stellenweisen nicht mehr verstehen konnte. Von da an habe ich das Buch nur noch fertig gelesen, mitfühlen konnte ich mehr so richtig. Ein Buch in dieser Richtung, das mir richtig gut gefiel, war "Wüstenblume". Die Folgebücher der Autorin konnten mich dann aber auch nicht mehr erreichen. Das schaute das Interesse am schnöden Mammon als Motiv des Schreibens auch hinter der einen oder anderen Buchseite hervor. Denn vom ersten Buch wurde doch immer wieder Passagen wiederholt.

Da gehts mir wie dir. Ich habe ja auch auch bei der BT Leserunde zu China Keitetsi mitgemacht. Mich hat das Buch ja dann auch nicht mehr erreicht. "Wüstenblume" hat mir auch sehr sehr gut gefallen, allerdings die Nachfolgeromane haben mir auch nicht mehr gefallen.

Ansonsten lese ich schon gerne mal so ein Buch. Aber dann muss auch mal wieder ne Weile Ruhe sein. Jetzt ist grad wieder so ein Moment. Erst "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und dann "Sie nahmen mir die Mutter..." - da ist jetzt erstmal wieder gut - für mindestens ein halbes Jahr.
marilu - 06.08.2006, 20:55

Was ich unbedingt noch lesen möchte ist:

Silvana Klein "Affenliebe"

Kurzbeschreibung (Amazon)

Zitat: Silvana ist ganz unten aufgewachsen. Ihre Mutter, tablettenabhängig und jeder Art von Drogen von LSD bis zu Heroin verfallen, häufig von Obdachlosigkeit bedroht und am Rande des völligen Absturzes balancierend, konnte der Tochter nicht die einfachste Geborgenheit bieten. Vielmehr fühlt sich schon das kleine Mädchen für die Mutter verantwortlich, versucht sie zu beschützen und vor den Schlägen der Stiefväter zu bewahren. So wächst Silvana auf, bemüht, sich einen minimalen Raum der Normalität zu bewahren und Schulfreunden gegenüber eine gewisse Fassade aufrecht zu halten. Erschütternd zum Beispiel der Moment, als dem Kind aufgeht, dass sein eigenes, zunächst doch ganz selbstverständlich angenommenes Leben wohl doch nicht so normal ist, dass die Eltern ihrer Klassenkameraden morgens keine Pillen zum Antörnen und abends keine zum Runterkommen einwerfen. Dann gleitet sie selbst ab, raucht zu Hause Joints und zweigt Heroin aus den für die Mutter bestimmten Lieferungen ab. Es folgen Beschaffungskriminalität, Babystrich und zunehmende Verwahrlosung. Am Ende gelingt es ihr, nach Selbstmordversuchen und vielfältigen Abstürzen, eine harte Therapie erfolgreich zu absolvieren. Sie ist jetzt seit zwölf Jahren clean, hat sich dem alten Milieu entzogen und eine eigene Existenz aufgebaut. Ein Wunder nach der Vorgeschichte. Doch das eigentliche Wunder ist, dass Silvana in ihrer Kindheit und Jugend so genau hingesehen hat und die Kraft besaß, die eigene Geschichte aufzuschreiben. Ein unsentimentales und anrührendes Buch, das authentisch aus einer verdrängten Welt berichtet.

Das ist das Schicksal einer junge Frau aus Hannover. Wahrscheinlich aufgrund der regionalen Presse ist es seit Erscheinen ein Bestseller in Hannover. Bis letzten Monat wußte ich zwar davon und habe es auch schonmal empfohlen, hatte aber noch nie hineingeschaut. Bis dann ein Kunde das Buch bestellte und ich es anlas - :shock: und feststellte, dass ein Teil der Geschichte in dem kleinen Dorf spielt, in dem ich aufwuchs :shock: .
Ich wußte zwar, dass es bei uns eine Einrichtung für Drogenabhängige auf Entzug gab und ab und zu sah man sie auch im Dorf, aber so richtig wahrgenommen habe ich sie dennoch nie. Zudem gab es jede Menge Gerüchte und so über das Haus, Heimleben etc. Ich habe da nie so hingehört, aber mich genauer damit auseinandergesetzt habe ich mich auch nicht.

Demnächst werde ich das nachholen.

Katia - 06.08.2006, 21:01

Krümel hat folgendes geschrieben:
Aha, dann hab ich ja dieses Jahr Glück :wink: (Wie ist denn der Roman so insgesamt?)


Ich fand ihn phasenweise sehr gut, in jedem Fall gut geschrieben, allerdings haben mich die Interna der diversen kommunistischen Vereinigungen dann doch nicht so interessiert, der Gesamteindruck war also gemischt. Ich fand es interessant mal die Perspektive eines politischen KZ-Häftlings zu lesen, er erlebt vieles sehr anderes als z.B. im "Roman eines Schicksalslosen".

Katia
Krümel - 06.08.2006, 22:55

Nun dann Katia, hört sich ja nicht besonders gut an, aber es wird wohl meine nächste Lektüre :roll:
Pippilotta - 07.08.2006, 07:58

Auch wenn ich die momentan den Markt überschwemmenden Schicksalsromane (Corinne Hofmann ist so eine, die scheinbar wirklich Geld damit machen will) links liegen lasse, Bücher über den 2.Weltkrieg lese ich gerne (insoweit man hier von "gerne" sprechen kann, aber ihr wisst, was ich meine).

"Roman eines Schicksallosen" hat mich sehr beeindruckt, "Jakob der Lügner" liegt auf meinem SUB, ebenso "Das Mädchen im roten Mantel".
Ich möchte diese Zeit aus allen Perspektiven kennen lernen, wie die Menschen diese Zeit aufarbeiten und verarbeiten können bzw. vielleicht auch irgendwann auch einmal annähernd verstehen oder nachvollziehen können, wie es so weit kommen konnte. Und nicht zuletzt auch deshalb, dass wir uns zwar nicht ewig schuldig fühlen dürfen, dennoch diese Zeit nie in Vergessenheit geraten darf und v.a. allen Anfängen in diese Richtung der Boden entrissen werden muss.
Krümel - 07.08.2006, 10:29

Ich habe mir gerade alle drei Bände bestellt, je für 0,01 € plus Porto :dance:
Pippilotta - 07.08.2006, 10:31

Krümel hat folgendes geschrieben: Ich habe mir gerade alle drei Bände bestellt, je für 0,01 € plus Porto :dance:

:thumleft: DAS nenn' ich ein Schnäppchen!
Pippilotta - 27.04.2008, 12:31

Ich krame jetzt diesen Uralt-Thread hervor, weil es im heutigen "Literaturclub" auf 3sat um eine ähnliche - äußerst interessante - Diskussion ging.

Es wurde das Buch Du sollst Bestie sein von Uzodinma Iweala vorgestellt. In diesem Buch geht es um Kindersoldaten und das Buch schreckt vor keiner noch so grausamen und blutrünstigen Beschreibung zurück, dem Leser bleibt die Luft weg vor all diesen Schilderungen. Da waren sich alle Diskussions-Beteiligten einig.

Nun zur Kritik von Peter Hamm, der so ein Buch für moralisch fast nicht vertretbar hält. Der Autor ist ein junger Amerikaner, in sehr gut situiertem Hause aufgewachsen (sein Vater ist Neurochirurg, seine Mutter war Außen- und Finanzministerin in Nigeria und Vizepräsidentin der Weltbank), und studierte "Creative Writing" in Havard.

Nach Hamms Ansicht, KANN so einer kein solches Buch schreiben, denn er wisse ja nicht, wovon er da schreibt. Er wirft ihm vor, "Trittbrettfahrer" zu sein und auf der Modeerscheinung der "Betroffenheitsliteratur" mitzuschwimmen. Diese Literatur macht die "gesättigten" Leser in den Wohlstandsländern betroffen, dazu ist Blut, Gewalt, Grausamkeit nötig. Die Leser fühlen sich zutiefst "betroffen", doch sind nicht bereit, auch nur einen Millimeter von ihrem Wohlstand abzugeben. Es geht eher darum, sein Gewissen zu beruhigen, dass man sich mit der "Thematik" anhand eines solchen Buches beschäftigt.

:grübel: Wie seht ihr das? Peter Hamm brachte seine Kritik sehr anschaulich und nachvollziehbar. Es ist ungefähr so, wenn reiche Diplomatengattinnen Empfänge zu sogenannten "Wohltätigkeitszwecken" geben, ihre Diamanten und Pelze zur Schau stellen, gierig in Fernsehkameras gaffen - unter dem Mantel der "Wohltätigkeit".

Andererseits - ist es nicht einfach wichtig, dass das Thema in die Öffentlichkeit getragen wird? Ist nicht jeder Euro, der im Dienste dieser "Wohltätigkeit" gespendet wird, wichtig?
Aber: Heiligt der Zweck die Mittel? :?:

Katia - 27.04.2008, 13:33

Natürlich ist es wichtig, dass solche Themen an die Öffentlichkeit getragen werden und man informiert ist über das Leid in dieser Welt. Aber ich kann Peter Hamms Standpunkt voll nachvollziehen. Da geht's mir wie mit Literatur über den zweiten Weltkrieg: ich lese das lieber, wenn es von einem Betroffenen kommt. Das heißt nicht, dass andere Leute darüber nicht schreiben dürfen, aber ich werde immer ihre Beweggründe stärker hinterfragen. Und wenn ich dann lese, dass das Buch "blutrünstig" ist, dann ist meine Skepsis noch schneller geweckt.
Ich mag keine "Betroffenheitsliteratur", irgendwie habe ich oft den Verdacht, dass diese Dinge unter dem Deckmantel informieren zu wollen eher an unsere niedrigen Instinkt, an Sensationsgier appellieren. Das muss dazu gar nicht die Intention des Autors gewesen sein (kann aber).
Für mich stellt sich dann die Frage, "warum soll ich dieses Buch lesen". Zur reinen Unterhaltung ja wohl mal nicht, das fände ich moralisch tatsächlich verwerflich. Zur Information gibt es wohl bessere Mittel bzw. hierzu müsste das Buch entweder authentisch sein (=von einem Betroffenen) oder gut recherchiert (und dies auch im Buch nachvollziehbar dokumentiert).
Jetzt kommt das große Aber: ich finde es schon sehr wichtig, sich über unsere Welt Gedanken zu machen, zu wissen, was Menschen fähig sind anderen anzutun und ab und an sich mal klar zu machen, wie gut es uns geht und dass und wie wir anderen helfen können.
Nur die reine Betroffenheitsliteratur dient dem (meine Meinung) nur bedingt: selten zieht sie Handlungen/Spenden nach sich (oft fordert sie dazu auch gar nicht auf) - irgendwie kommt mir das vor, wie das Gaffen nach einem Unfall. Uns Menschen hilft das manchmal ungemein, zu sehen, dass das Unglück andere getroffen hat, den Kitzel bei einer Katastrophe dabei, aber nicht betroffen zu sein.

Ihr seht schon, ich kann keine ganz klare Meinung zu dem Thema finden.
Als Jugendliche habe ich "Problembücher" verschlungen und ich glaube, auch dass diese dazu beigetragen haben meine heutigen Moral- und Wertevorstellungen zu prägen.

Katia
Krümel - 27.04.2008, 13:56

Ich stehe voll auf der Seite von Peter Hamm! Ich mag solche Bücher auch nicht, ich mochte ja auch den "Drachenläufer" aus diesem Grund nicht. Das sind jene Trittbrettbücher, die die Massen bedienen, keine wirkliche Erfahrung beinhalten, nur auf Unterhaltung aus sind, manchmal sogar sehr abgeschmackt auf Kosten Dritter um Geld zu machen. Das ist auch keine Literatur, sondern bedient nur die Medien. Ich habe bei dem Buch sofort alle Schotten geschlossen!
Ich mag auch keine Coelhos, die sich durch Polemik eine Leserschar kaufen, ja das muss ich leider feststellen; keine Schmitts, die im Mozart-Jahr ein Mozartbuch herausbringen. Das fällt bei mir alles in den gleichen Topf!
Katia - 27.04.2008, 15:35

@Krümel: Und wie ist es mit authentischen Berichten? Magst Du die auch nicht?
Ich gehe mit Dir völlig konform: wenn es nur um Verkaufszahlen und Bedienung eines Massengeschmacks geht, klinke ich mich sofort aus. Aber ich habe auch Ressentiments gegenüber wirklich Erlebtem - auch hier überwiegt für mich oft das Voyeuristische vor allem anderen.

Katia
Krümel - 27.04.2008, 17:01

Katia hat folgendes geschrieben: @Krümel: Und wie ist es mit authentischen Berichten? Magst Du die auch nicht?
Ich gehe mit Dir völlig konform: wenn es nur um Verkaufszahlen und Bedienung eines Massengeschmacks geht, klinke ich mich sofort aus. Aber ich habe auch Ressentiments gegenüber wirklich Erlebtem - auch hier überwiegt für mich oft das Voyeuristische vor allem anderen.

Das ist was völlig anderes, diese authentischen Bücher. Aber auch hier bin ich ein wenig vorsichtig, manchmal dienen sie auch nur dazu, irgendwo aufzuspringen, und der Autor/in drückt noch einmal mehr auf die Tränendrüse.

Einige dieser authentischen Bücher habe ich gelesen, meistens von Juden, die über den 2. Weltkrieg schrieben.

Insgesamt mag ich ja die Betroffenheits-Literatur nicht so. Okay, ich schreibe hier im Forum auch über meinen MC und meine Gedanken, aber mir ist bewusst, dass das eigentlich keinen wirklich interessiert, ich würde darüber kein Buch schreiben wollen, dann müsste ich es schon mächtig aufbauschen :wink: Und im Grunde genommen, z.B. diese afrikanische Sklavin, ja sie ist dann eine gewissen Zeit aktuell, aber bleibt das wirklich in den Köpfen hängen? Die Masse schreit kurz: Ist ja schrecklich! Aber ändert so ein Roman was?
Was bezweckt die Autorin übrigens damit? Macht sie damit eine Selbsttherapie? Funktioniert so was wirklich?

Also die authentischen Bücher lasse ich durchaus gelten, so ist das nicht. Aber es ist grundsätzlich nicht mein Genre :wink:
wolves - 28.04.2008, 08:21

Ich könnte jetzt auch nur noch in meinen Worten wiederholen, was ihr geschrieben habt.
Bei dem Buch legt sich bei mir der Verdacht nahe, dass es um Effekthascherei geht. Das Thema selbst (Kindersoldaten) finde ich enorm wichtig der Bevölkerung klar zu machen. Aber ob das ausgerechnet durch ein Buch geschieht, das als blutrünstig beschrieben wird? Hmm, da bin ich mir nicht so sicher. Aber manche Wege gehen halt ihre eigenen verschlungenen Richtungen...


Aber in einem @Krümel habe ich beim lesen doch aufgeblickt. Nein, ich bin da etwas anderer Meinung wie du. Ich möchte schon von MC lesen und wenn es (gut geschrieben) von einem/r Betroffenen käme, dann wäre es auf jeden Fall für mich lesenswert.
Ich habe in meiner Jugend auch viele "Schicksalsromane" gelesen und mein Weltbild hatte sich dadurch geändert. Ich habe von Menschen gelesen, die Blind geworden sind, die Krebs hatten etc. und ich habe so viel daraus gelernt. Zum einen niemals aufzugeben, zum anderen das Leben zu genießen, nichts als selbstverständlich zu sehen und was weiß ich noch alles.
Vielleicht gibt so ein Buch jemand Mut, informiert Betroffene und ihre Angehörigen?!
Anonymous - 28.04.2008, 08:35

Es hilft leider alles nichts. Hamm hat ganz einfach das Problem nicht erkannt. Ist er es doch, der sich seine Wohlstandsgefühl nicht nehmen lassen möchte.

Kindersoldaten sind eine traurige Tatsache in dieser Welt. Und auf das Schicksal dieser jungen Menschen ist immer und immer wieder hinzuweisen. Und wenn es nur in Form der beschriebenen Mittel passiert, dann ist es okay.

Die Motive des Autors sind in diesem Fall lediglich sekundär von Interesse. Hauptsache ist doch, dass dieses Thema immer wieder in den Focus der Menschen gerückt wird. Und da sollte man nicht auf einmal mit dem moralischen Zeigefinger winken und von Trittbrettfahrerei sprechen oder davon das da jemand auf der "Betroffenheitsliteraturwelle" mitschwimmt. Wichtig ist ganz allein - ohne Wenn und Aber - das diesen Kindern geholfen wird. Und wenn es nur diese Wege gibt, die aus kommerziellen Interessen gebaut wurden, dann muss man halt diese Wege gehen.

Hamm muss sich fragen lassen, ob es nicht seine Moral ist die verlogen ist? Leider, leider gibt es immer noch vielzuviele Hamms.....
Coco - 28.04.2008, 08:51

Soweit ich Hamm gestern verstanden habe, geht es ihm nicht darum, dieses Thema literarisch zu verschweigen, sondern er war vor allem mit dem Autor nicht einverstanden. Einem Mann, zwar Schwarzafrikaner, der in den USA aufgewachsen ist, der in Harvard studierte und lediglich seine Ferien ab und zu in Nigeria verbrachte - dort natürlich wohlbehalten im Viertel der Reichen.

Der Autor hat also direkt wenig Ahnung, worüber er da eigentlich schreibt, da er selbst nie betroffen war. Er hat wohl lediglich ein paar Gespräche mit ehemaligen Kinder-Soldaten geführt.

Des Weiteren störte ihn, dass in dem Buch wohl weniger die Fakten und Tatsachen erörtert werden (zur Aufklärung über dieses Thema), sondern Gewaltszenen eben so ausgeschlachtet werden, dass beim Leser vor allem der Voyeurismus befriedigt wird.

Ich hatte nicht den Eindruck, dass er gegen eine objektive Aufklärung und Information der Leser ist, nur ist das wohl bei diesem Buch absolut nicht gegeben.

Im allgemeinen mache ich um "Schicksalsromane" einen großen Bogen, vor allem wenn es sich um Krankheiten handelt. Vielleicht ändert sich das, sollte ich selbst einmal betroffen sein.
Pippilotta - 29.04.2008, 14:12

Ja, die Kritik Hamms ist hauptsächlich gegen den Autor gerichtet. Das kommt in meinem obigen Beitrag vielleicht nicht so eindeutig herüber.

Ich habe diese Ansicht Hamms zur Diskussion gestellt, weil ich selber ja auch der Meinung bin, dass die Themen unbedingt angesprochen werden müssen. Andererseits macht es doch sehr nachdenklich, dass zu immer drastischeren Mittel gegriffen werden muss. Der Wohlstandsbürger sieht Gewaltszenen täglich in den Nachrichten, er ist abgebrüht, es muss schon was ganz was Schreckliches passieren, dass er kurz einmal aufschreckt. Ein sachlich gehaltenes, vielleicht literarisch wertvolleres Buch würde wahrscheinlich irgendwo in der Versenkung verschwinden. Dieses Buch erregt aufgrund der blutrünstigen und grausamen Szenen Aufsehen ... aber wo soll das enden?
Wirbelwind - 01.05.2008, 13:07

Schicksalsromane lese ich immer wieder einmal. So auch beim BT in Leserunden. Leider wird die Realität in solchen Büchern oftmals (auf anraten des Verlags?) zu Gunsten des Verkaufs verfälscht oder aber was Krankheiten betrifft zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt. Verkaufserfolg und Geld sind kein guter Untergrund für solche Bücher.
Ich versuche ihnen deshalb möglichst aus dem Wege zu gehen - zumal es eine absolute Schwämme davon gibt - mehr Schein als Sein.

Liebe Grüsse
Wirbelwind
Coco - 01.05.2008, 17:30

Wirbelwind hat folgendes geschrieben: Schicksalsromane lese ich immer wieder einmal. So auch beim BT in Leserunden. Leider wird die Realität in solchen Büchern oftmals (auf anraten des Verlags?) zu Gunsten des Verkaufs verfälscht oder aber was Krankheiten betrifft zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt. Verkaufserfolg und Geld sind kein guter Untergrund für solche Bücher.
Ich versuche ihnen deshalb möglichst aus dem Wege zu gehen - zumal es eine absolute Schwämme davon gibt - mehr Schein als Sein.


Das ist sehr treffend, Wirbelwind! Danke!
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