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solobodo - 07.07.2006, 10:29
Hein Holländer... (Teil 1)
Ein Holländer in Deutschland ist besser als ein Deutscher in Holland (Teil 1 zuletzt verändert am 5. Mai 2004)

Ich wohne jetzt seit August 2000 in Deutschland und bin heute 22 Jahre alt. Vorher habe ich in Holland gewohnt. Obwohl ich in Holland geboren bin und auch einen holländischen Reisepass habe, bin ich dort wie ein Deutscher behandelt worden. Damit meine ich, dass ich diskriminiert wurde. Es ist für einen Deutschen einfach kein Leben in Holland. Jetzt denkt ihr bestimmt an die eigenen Erfahrungen in Holland, die wohl eher nur gute Erfahrungen sind. Wenn man aber als Tourist nach Holland fährt, bringt man Geld in die Kasse, und da viele Holländer vom Tourismus leben, wollen sie natürlich, dass Touristen zurückkommen. Für Holländer bleiben Deutschen aber leider immer "Moffen" ("Mof" ist ein Schimpfwort für Deutsche).

In der 3. Klasse, ich war wohl etwa 8 Jahre alt, hat alles angefangen: In den letzten Jahren in Holland wurde ich nach der Schule von meinen Mitschülern und deren Freunden verprügelt, sie haben mir eine Zigarette im Nacken ausgedrückt, Steine hinter mir her geworfen, man hat Hakenkreuze auf unsere Tür und Morddrohungen auf mein Schlafzimmerfenster gemalt, und während der Schule wollte niemand mit mir reden und noch nicht mal mit mir zusammenarbeiten. Aber das war noch nicht alles, das letzte Jahr in Holland sind sogar einige Lehrer von der Realschule ausländerfeindlich aufgetreten (obwohl ich auf eine Schule gegangen bin, die viel mit Deutschland zu tun hat und sogar mit einer Schule in Bremen zusammenarbeitet). Und das ganze nur, weil ich eine deutsche Mutter habe.

Anfangs habe ich gedacht, dass ich sozusagen ein neuer Mensch wäre, seit ich in Düsseldorf wohne. Ich hatte und brauchte anfangs keine Angst mehr zu haben, wenn ich zur Schule ging, hatte und brauchte keine Angst mehr zu haben, in der Pause oder nach der Schule verprügelt und/oder auch beschimpft zu werden. Ich hatte und brauchte keine Angst mehr zu haben, dass man auf der Straße auf mich wartete. Ich hatte und brauchte einfach keine Angst mehr zu haben, für was denn auch. Ich war wieder ein fröhlicher Mensch und machte wieder Dinge, die ich in Holland nicht machen konnte, weil ich ständig Angst hatte.

Aber heute weiß ich, dass ich letztendlich doch nicht wie ein neuer Mensch bin, seit ich hier wohne. Ich habe mich anfangs zwar besser gefühlt, in Wirklichkeit habe ich aber das ganze Geschehen in Holland verdrängt, ich wollte es sozusagen vergessen. Jetzt weiß ich, dass, wenn man so etwas erlebt hat, man darüber reden muss. Sich helfen lassen muss. Am besten durch „professionelle“ Hilfe.

Ich habe leider erst um Hilfe gefragt, als es sozusagen schon zu spät war. Ich bin ein Jahr „umsonst“ zur Schule gegangen: Ich habe insgesamt über 200 unentschuldigte Stunden gehabt und bin an den Tagen, an denen ich da war, fast jeden Tag zu spät gekommen. Dadurch wurde erstens meine schulische Leistung schlechter, zweitens hatte ich Ärger mit den Lehrern, die mir im ersten Jahr geholfen haben, das Schuljahr zu schaffen und mit meinem damaligen Klassenlehrer bekommen. Da ich mich total zurückgezogen hatte und auch nicht drüber geredet habe, wusste keiner, was mit mir los war und wie ich mich von innen fühlte.

Ich hatte Angst, Angst in die Schule zu gehen, obwohl es keinen Grund gab, da ich ja eigentlich kein Problem mit der Klasse hatte. Aber nach einem Gespräch mit einer damaligen Kollegin in den Sommerferien 2001 sind bei mir die tiefsten Erinnerungen hoch gekommen. Seitdem konnte ich an fast nichts anderes mehr denken. Vor allem in den Momenten, in denen ich zur Schule gehen musste. Jedes Mal, wenn so was vorkam, bin ich dann entweder nicht zur Schule gegangen oder wenn ich schon in der Schule war, habe ich mich als krank eintragen lassen und bin dann nach Hause gegangen. Bis es den Lehrern zuviel wurde und ich letztendlich dann auch eine Klassenkonferenz bekommen habe, was mir dann gezeigt hat, dass ich was machen musste um nicht noch mal in diese Situation zu kommen.

Ich habe nach dieser Konferenz einen Termin bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle gemacht und werde jetzt seit Juni 2002 durch einen Psychologen der Schulpsychologischen Beratungsstelle unterstützt und kann eigentlich über alles offen reden. Es wird Schritt für Schritt besser.

In September 2002 hat der Psychologe mir dann geraten zusätzlich in eine Therapiegruppe zu gehen, um mein Selbstbewusstsein zu stärken und ich bin dann auch seit Oktober 2002 in einer Gruppe der Jugendberatung, womit ich auch sehr zufrieden bin.

Mittlerweile kann ich auch darüber reden, dass ich im letzten Jahr in Holland sozusagen zweimal Stundenlang „Entführt“ worden bin. Ich vermute, dass es Personen aus der Gruppe, die mich am meisten diskriminiert haben, waren. Leider kann ich es nicht genau sagen, weil ich sie nie vorher gesehen hatte. Sie haben aber so viele Andeutungen gemacht, dass ich eigentlich keine zweifeln habe, dass die Gruppe dahinter steckt. Mit diesem Erlebnis komme ich immer noch nicht zurecht, weil ich einfach keine Antwort bekommen kann auf die Frage, warum ich dieses erleben musste. Vielleicht, weil ich mich nicht anpassen wollte und so offen über meine deutsche Herkunft redete, sprich, mich immer mehr als Deutscher fühlte. Auch wenn ich in Holland geboren bin, schämte ich mich nach diesen jahrelangen Diskriminierungen ein Holländer zu sein. Über dieses Erlebnis konnte ich lange Zeit nicht reden, bis ich vor einem Jahr den Mut, sprich, das Vertrauen in meinen Schulpsychologen und in die Gruppe hatte, das erste Mal darüber zu reden. Meine Mutter habe ich es erst drei Jahre danach erzählen können.

Meine jetzige Schulleistung ist seitdem auch wieder besser geworden. Das Schuljahr 2002/2003 ist für mich das bis jetzt beste Jahr gewesen seit dem Anfang meiner Probleme in Holland. Außerdem sind meine versäumten Stunden verringert worden, auch wenn es noch zu viele sind. Mann kann aber leider nicht von heute auf morgen alles verarbeitet haben.

Und um zu beweisen, dass ich hauptsächlich ein Problem mit Schülern habe, muss man nur meinen letzten Arbeitgeber fragen (Aushilfsjob), ob er etwas Negatives sagen kann: da bin ich nie zu spät gekommen, mein Verhalten gegenüber meinem Vorgesetzen und Kollegen war immer einwandfrei und gegenüber den Kunden immer freundlich und zuvorkommend, er wird nichts Negatives sagen können. Wenn ich an die Arbeit denke, habe ich ein ganz anderes Bild vor mir als das, wenn ich an die Schule denke. Sprich, im Prinzip ist es so, dass ich nur an die Geschehnisse in Holland denke, wenn ich mit der Schule zu tun habe, und nicht, wenn ich an die Arbeit denke.

Ich bin jetzt seit September 2002 bei dem Psychologen der Schulpsychologischen Beratungsstelle und etwa seit Oktober 2002 in der Therapiegruppe. An dieser Stelle möchte ich versuchen meine jetzigen Gefühle zu beschreiben: Auch wenn ich noch nicht ganz mit den Erlebnissen in Holland umgehen kann, fühle ich mich schon viel besser als am Anfang. Besser noch: jetzt bin ich wirklich auf dem Weg, ein anderer Mensch zu werden. Ich habe das erste Mal mit jemandem zusammen arbeiten und lernen können. Ich hatte zum ersten Mal Freunde mit denen ich reden konnte. Ich habe dieses Jahr die für mich besten Zeugnisse bekommen, besser als je zuvor. Und das, obwohl ich immer noch ziemliche Probleme damit habe, Kontakte mit anderen zu knüpfen und immer noch ziemlich viel Angst habe, dass das Ganze von vorne anfängt. Dann aber nicht in Holland, sondern hier in Deutschland.

Das einzige Problem, das ich hier in Deutschland noch habe, ist das Vorurteil, dass alle Holländer Drogen nehmen. Was ungerecht ist, weil ich einer von vielen bin, der keine Drogen gebraucht.
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