'Ein Muslim verschleppt niemand, und will dann Geld!'
Mittwoch, 26 April 2006
Auch in der Leipziger Al-Rahman Moschee wird für die Geiseln gebetet.
Fast ein Vierteljahr ist inzwischen vergangen, seit im Irak die beiden Leipziger Ingeneure René Bräunlich und Thomas Nitzschke entführt worden sind. Zweimal in der Woche treffen sich seither Freunde, Kollegen und viele andere Menschen zu Mahnwachen an der Leipziger Nikolaikirche. Doch auch anderswo ist die Entführung ein Gesprächsthema, auch anderswo wird für die beiden Geiseln gebetet: In der Leipziger Al-Rahman Moschee. Ein Beitrag für MDR Figaro, gesendet am 24. April 2006.
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Die Gegend sieht schon ziemlich heruntergekommen aus: Leerstehende Schuppen und schmutzige Fabrikgebäude. Doch für gläubige Muslime ist die Moschee in der Roschestraße 33a die erste Adresse der Stadt: In den ehemaligen Kindergarten sind diesmal fast vierhundert Gläubige zum Freitagsgebet gekommen. Eigentlich viel zu viele für den Gebetsraum. Per Lautsprecher wird die Predigt von Imam Hassan Dabbagh deshalb in die Nebenräume übertragen. Heute geht es um Joseph, der nach Ägypten verkauft wurde und dort ins Gefängnis gesteckt wurde. Gerade heute hat die Josephgeschichte eine wichtige Botschaft, findet Imam Dabbagh. In seiner Predigt wettert er deshalb gegen Menschen, die den Islam missbrauchen.
Die Mahnwache an der Leipziger Nikolai-Kirche. Foto:wikipedia.org
"Der Muslim ist ein Barmherziger, der Muslim ist eine Person, die Hilfe leistet. Der Muslim ist nicht derjenige, der die Leute verschleppt, oder diejenigen verschleppt, und dann sagt: Ich will dafür Geld. Der Muslim ist nicht derjenige, der voll Hass ist und die anderen nur schlecht machen will. Nein! Der Muslim ist etwas anderes!"
Namen nennt er in seinen Predigten nicht so gerne, sagt der ansonsten eher freundlich klingende Mann später. Doch die Besucher der Moschee wissen genau was ihr Imam von der Entführung von Rene Bräunlich und Thomas Nitzschke hält, nämlich gar nichts. Dass Soldaten entführt werden, kann mancher Gläubige ja noch nachvollziehen. Aber Menschen, die das aufbauen wollen? Wahlid aus Malaysia macht das ziemlich ratlos.
"Sie sind nicht die Ersten entführt zu werden. Aber als ich gehört habe, dass sie aus Leipzig kamen, das war ein bisschen so ein Schock. Ich habe gedacht: Was machen sie dort überhaupt in einem Kriegsgebiet? Und sie sind keine Soldaten! Und dass sie entführt wurden, das ist nicht vom Islam. Und das ist nicht gut für den Ruf der Muslime weltweit!"
Wie viele seiner Brüder betet deshalb auch er regelmäßig für die beiden Geiseln und ihre Familien, aber auch für die vielen anderen Menschen, die im Irak verschleppt wurden. Mathematiklehrer Abrahim Abdulla geht die Geschichte besonders nah: Vor fünf Jahre ist er aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Er sei schließlich Gast hier, sagt er.
"Die Deutschen waren gastfreundlich zu mir. Und als Muslim erwarte ich doch dass man die beiden auch gastfreundlich behandelt. Sie waren schließlich Ingeneure und haben für einen guten Zweck gearbeitet."
Wie die meisten Besucher der Moschee glaubt er den Entführern deshalb nicht, dass sie wirkliche Muslime sind. Die entführen schließlich keine Menschen, sagt er. Student Karmun Abdesamel aus Marokko sieht das genauso:
"Es gibt viel Mafia dort. Die handeln mit solchen Sachen. Die entführen Leute und verlangen Geld
Vielleicht sind Rene und Thomas auch bei so einer Mafia. Das hat gar nichts mit Religion zu tun."
Entführen 'wahre' Muslime tatsächlich Menschen? Der Imam der Leipziger Moschee sagt: 'Nein!' Foto: Aljazeera
Gleichzeitig findet Karmun es riskant, überhaupt in das Land zu reisen. Selbst für Iraker ist dort lebensgefährlich. Immer wieder sterben Freunde und Verwandte von Gemeindemitgliedern bei den Kämpfen zwischen Schiiten und Sunniten. Andere werden wie Rene Bräunlich und Thomas Nitzschke das Opfer von Kriminellen Entführern, erzählt Imam Hassan Dabbagh.
"Einer von ihnen hat fünf von seiner Verwandschaft in dieser Art verloren! Geiselnahme, 100.000 Dollar! Es gibt auch Preislisten: Ein Kind, bis so viel, ein Mann bis so viel, eine Frau bis so viel... Und so weiter!"
Bei aller Sorge um die beiden Leipziger darf man das nicht vergessen, erinnert der Imam. In seinen Gebeten bittet er Allah deshalb für alle Geiseln, nicht nur allein für René Bräunlich und Thomas Nitzschke. Trotzdem liegen auch ihm die beiden besonders am Herzen. Für das Irakische Fernsehen hat er deshalb am Wochenende wieder einen Appell an die Entführer aufgenommen.
"Da muss man aufpassen, nicht dass man diese Leute provoziert! Das ist sehr wichtig. Ich habe gesagt: Im Namen Allahs, des gnädigen, des allerbarmer. Diese Leute kamen wollten Euch nicht töten, sie kamen um etwas gutes zu machen. Deshalb: Wenn ihr Islamisch handelt, bitte ich Euch, dass ihr diese Leute freilasst. "
Ob sich die Entführer von solchen Appellen wirklich erweichen lassen?! Er müsse schließlich alles versuchen, sagt der Imam. Doch am Ende ist es vermutlich nur ein hohes Lösegeld, was die beiden Ingeneure wieder zurück nach Deutschland bringen kann. Bis dahin wird auch in der Moschee weiter für sie gebetet.
http://www.stefanroemermann.de/audio/20 ... figaro.mp3
Q.:
http://www.stefanroemermann.de/index.php?option=com_content&task=view&id=73&Itemid=71