Alle Beiträge und Antworten
Thomas - 20.11.2007, 13:01
Ablehnungen
Gedanken zum Thema „Ablehnung“
Aus dem Kitab-i-Iqan:
Führt doch alles, was in vergangenen Tagen die Ablehnung und den Widerstand der Menschen verursachte, auch zur Verstocktheit der Menschen von heute.
(Baha'u'llah, Kitab-i-Iqan)
Dieses Zitat Baha`u`llah`s aus dem Kitab-i-Iqan beschreibt einen Wesenszug der Offenbarungsgeschichte: Zu allen Zeiten erhoben sich Menschen um den Offenbarer ihrer Zeit des Betruges, der Blasphemie, der Gotteslästerung zu bezichtigen. Babak Farrokhzad weist in seinem Buch „Der Fluss der Wahrheit“ hier anhand der Heiligen Schriften Bibel und Qur`an weiterhin nach, dass die Eigenschaft der Verfolgung der Offenbarer wesensgleich ist. Der Wesenszug, der die Götzenanbeter im alten Arabien dazu bewog, Muhammad von Mekka nach Medina zu verfolgen, war der gleiche Wesenszug, der auch die Juden dazu bewog den Messias Jesus der Gerichtsbarkeit zu überstellen und der die alten Perser dazu bewog, Baha`u`llah 40 Jahre lang in Gefängnis und Verbannung zu halten.
Wenn nun die Wesenszüge der Verfolgungen der Gottesoffenbarer prinzipiell gleich sind, dann stellt sich die Frage, ob der Wesenszug der Entwicklung der Offenbarungsreligionen nicht ebenfalls gleich sind: Das Konzil von Nicäa, ca. 400 n.Chr., verbannte die für die Entwicklung des Christentums wichtigen Apokryphen (Thomas-Evangelium, wesentliche Teile des Petrus-Evangeliums). Zwar wurde dadurch die Botschaft des Offenbarers Jesus Christus nicht tangiert, wohl aber wurde die Auslegung eben dieser Botschaft in machtpolitische Wege geleitet - ein Ansinnen, das in dieser Form der Bote Gottes Jesus sicherlich nicht beabsichtigt hatte.
Der Jesus nachfolgende Bote Gottes Muhammad verfasste kein schriftlich fixiertes Testament. In Folge dessen entbrannte unmittelbar nach dem Tode Muhammad`s ein Nachfolgestreit über die religiöse Führerschaft, der schliesslich in die Spaltung des Islam in einen sunnitischen und einen shiitischen Zweig mündete
Und auch wir Baha`i sind von Spaltungen nicht verschont geblieben. Bereits zu Lebzeiten Baha`u`llah`s versuchte ein Halbbruder der „Herrlichkeit Gottes“ einen eigenen Anspruch auf Führerschaft der Babi zu etablieren. Zwar verfügte der Bab ausdrücklich, dass das „Volk des Bayan“ Ihn anzunehmen hat, den Gott offenbaren wird. Dies hinderte den Halbbruder Baha`u`llah`s jedoch nicht daran, eigene Ansprüche anzumelden und den Offenbarungsanspruch Baha`u`llah`s abzulehnen. Die Ablehnung des Anspruches führte schliesslich zu einem Mordanschlag auf Baha`u`llah, in dessen Folge Er zeitlebens an körperlichen Spätfolgen zuleiden hatte.
Die Intrigen dieses Halbbruders führten jedoch nicht zu einer dauerhaften Spaltung; der Halbbruder wurde schliesslich ebenso wie Baha`u`llah verbannt und starb mit wenigen verblieben Anhängern in Zypern.
„Lebensfähiger“ erweisen sich jedoch die Abspaltungen der „orthodoxen Baha`i“ und der „reformierten Baha`i“.
Die orthodoxen Baha`i behaupten, dass „Wille und Testament“ Abdul`Baha`s „gefälscht“ seien. Sie negieren schlichtweg, dass Abdul`Baha seinen Enkel Shoghi Effendi als Hüter und Bewahrer des Baha`i-Glaubens eingesetzt hatte. Die reformierten Baha`i wiederum anerkennen zwar die Rolle Shoghi Effendi`s im Baha`i-Glauben, bestehen jedoch darauf dass ein enger Mitarbeiter Shoghi Effendi`s, die „Hand der Sache Gottes“ Mason Remy, von Shoghi Effendi mündlich zu dessen Nachfolger als Hüter ernannt worden sei. Insoweit lehnen die reformierten Baha`i die Instution des Universalen Hauses der Gerechtigkeit der Baha`i-Weltgemeinde ab.
Die „klassischen“ oder „konservativen“ Baha`i, die die Mehrheit der Baha`i umfassen, verweisen darauf, dass Shoghi Effendi zu keiner Zeit ein schriftliches Testament hinterlassen hat, welches den Anspruch des Mason Remy `s auf Nachfolge beweisen würde. Da ein solches Schriftstück nicht existiert, hat die Gemeinschaft der „klassischen“ Baha`i gemäss dem Willen und Testament Abdul`Baha`s wenige Jahre nach dem Tode Shoghi`Effendi`s die Instution des „Universalen Hauses der Gerechtigkeit“ begründet.
Er, der das Werkzeug für die Einleitung eines so glänzenden Abschnitts in der Geschichte des Glaubens war, dem der Mittelpunkt des Bündnisses Bahá'u'lláhs Titel wie »Petrus Bahás«, »Hirte der Herde Gottes«, »Eroberer Amerikas« verliehen hatte, dem das einzigartige Vorrecht zuteil geworden war, 'Abdu'l-Bahá bei der Grundsteinlegung für den Schrein des Báb am Berge Karmel zur Hand zu gehen - dieser Mann, geblendet durch seinen außergewöhnlichen Erfolg und besessen vom Ehrgeiz nach unkontrollierter Herrschaft über den Glauben und die Tätigkeit seiner Mitjünger, pflanzte dreist das Banner des Aufruhrs auf. Er trennte sich von 'Abdu'l-Bahá und tat sich mit dem Erz-Bündnisbrecher des Gottesglaubens zusammen. So suchte dieser irregeleitete Abtrünnige die Lehren zu verdrehen, einen Feldzug übelster Schmähungen gegen die Person 'Abdu'l-Bahás einzuleiten und dadurch den Glauben derjenigen Freunde zu untergraben, die zu bekehren er sich nicht weniger als acht Jahre lang emsig bemüht hatte. Mit den Traktaten, die er veröffentlichte, mit der aktiven Unterstützung von Abgesandten seines Hauptverbündeten und verstärkt durch die Bemühungen der allmählich heranwachsenden kirchenchristlichen Feinde der Bahá'í-Offenbarung gelang es ihm, dem keimenden Glauben Gottes einen Schlag zu versetzen, von dem sich dieser nur langsam unter Schmerzen wieder erholte.
(Shoghi Effendi, Die Weltordnung Baha'u'llahs)
Die einzelnen Mitglieder dieser drei Baha`i-Gruppierungen pflegen untereinander kaum Kontakt. Den „klassischen Baha`i“ ist die Kontaktpflege zu den jeweils der orthodoxen oder reformierten Bha`iGemeinschaft schlichtweg verboten.
Im Auftrag des Hüters erläuterte sein Sekretär in einem Brief vom 14. März 1927 an den Geistigen Rat der Bahá'í von Istanbul das in der Sache Gottes gültige Prinzip des Mehrheitsbeschlusses. Er führte aus, wie in der Vergangenheit gewisse Einzelpersonen, die »sich selbst aufgrund ihres Wissens für überlegen und ihre Stellung für übergeordnet hielten«, zur Ursache des Zwiespalts wurden, und daß diejenigen, die »angeblich die Allererlesensten waren«, sich »stets als Quelle des Streites herausstellten«. »Aber, gelobt sei Gott«, so fuhr er fort, »die Feder der Herrlichkeit hat mit den starren und diktatorischen Ansichten der Gelehrten und Weisen aufgeräumt, hat die Behauptungen von Einzelpersonen als verbindliches Richtmaß zurückgewiesen, auch wenn diese als die hervorragendsten und gebildetsten unter den Menschen anerkannt waren; stattdessen hat Er bestimmt, daß alle Angelegenheiten an die bevollmächtigten Gremien und die dafür vorgesehenen Räte zu verweisen sind. Aber auch bei den Räten hat keiner die unbedingte Vollmacht erhalten, allgemeine Angelegenheiten zu entscheiden, welche die Interessen der Nationen betreffen. Nein, vielmehr hat Er alle Räte in dem Schatten eines Hauses der Gerechtigkeit, eines göttlich ernannten Zentrums, zusammengeführt, so daß es nur dieses eine Zentrum gibt und alle übrigen, zu einer einzigen Körperschaft vereint, sich um die eine ausdrücklich dafür vorgesehene Achse drehen. Auf diese Weise sind sie alle gegen Schisma und Spaltung geschützt.« (aus dem Persischen)
(Briefe des UHG, Ausgewählte Botschaften 1963-1996)
Der Hüter rät Ihnen daher, daß Sie künftig bei all Ihren Versuchen, die Kritik der Feinde der Sache zu widerlegen, die Führung und Billigung des Nationalen Geistigen Rates suchen; denn in bestimmten Fällen ist es reine Zeit- und Kraftverschwendung und vielleicht sogar wirklich schädlich, solchen Angriffen zu begegnen, da es oft zu langwierigen, fruchtlosen Auseinandersetzungen führt. Der Nationale Geistige Rat kann Ihnen am besten raten, welche Schritte in solchen Angelegenheiten zu unternehmen sind. (us einem Brief vom 28. September 1938 an einen Gläubigen)
(Briefe des UHG, Ausgewählte Botschaften 1963-1996)
Eben diese nationalen Geistigen Räte hinterliessen diverse Anweisungen, dass der einzelne Baha`i sich nicht mit den sich abgespaltenen Baha`i („Bündnisbrecher“) zu beschäftigen habe. Zum Einen wurde der Schutz des Glaubens angeführt; mindestens die „Reform-Baha`i“ verstehen es gut, die Schwierigkeiten des geistigen Wachstums der Instutionen zugunsten der Werbung einer eigenen Anhängerschaft auszunutzen. Zum Anderen aber behalten sich eben diese Instutionen es vor, dem Ansinnen der „Bündnisbrecher“ ggf. selbst zu begegnen - was sie in der Realität jedoch bisher kaum gemacht haben.
Nach Shoghi Effendi ist der einzelne Baha`i aufgerufen, den Menschen mit abweichendem Glaubensverständnis ebenso in „grösster Liebe und Achtung“ zu begegnen, wie den eigenen Glaubensgenossen. Insoweit besteht zwischen den „traditionellen Baha`i“ und den anderen Baha`i-Gruppierungen keine „Feindschaft“; die Gruppe der „Reform- Baha`i“ bietet auf ihrer Internetseite in den USA auch Links zu den Instutionen der „traditionellen-Baha`i“ an. Auch hier bestehen im Verhältnis untereinander zunächst keine böswilligen Absichten, sondern lediglich Unterschiede in der Interpretation der gemeinsamen Schriftgrundlage. Allerdings beschwert sich die Glaubensgemeinschaft der „Reform-Baha`i“ regelmässig über „Beschimpfungen“, denen sie durch e-mail-Kontakten ausgesetzt sei. Obwohl es - wie bereits angeführt- jedem Baha`i ausdrücklich verboten ist, einen anderen Mitmenschen aufgrund seiner Ansichten zu diffamieren, kann durch die jedem Menschen innewohnende Unvollkommenheit nicht ausgeschlossen werden, dass es verbale Angriffe gegen Baha`i-Gruppierungen gab und gibt (diesen Angriffen sind wir fallweise auch von anderen, nicht unbedingt auf dem Glauben Baha`u`llah`s sich bewegenden Gruppierungen, ausgesetzt).
„Ablehnung“ hat viele Eigenschaften und Wesenszüge. Offenbarer werden abgelehnt, da der Mensch unfähig ist die geistigen Grundlagen Gottes zu beachten und stattdessen auf die Befolgung des Wortes, des geschrieben Buchstaben, vertraut. Die Juden lehnten den Messias Jesus ab, weil sie auf die Wörter Jesaja`s achteten und nicht auf die geistigen Bedeutungen hinter den Wörtern. Die Christen lehnten den Propheten Muhammad ab, weil sie den Wörtern des Evangeliums mehr Raum liessen, als den tieferen geistigen Bedeutungen. Und ebenso lehnen die Muslime Bab und Baha`u`llah ab; auch sie sehen im Qur`an nur Wörter, wo doch Meere an geistiger Bedeutung im Qur`an verborgen liegen.
Aber „Ablehnung“ ist auch eine zutiefst menschliche Eigenschaft: Die Welt dreht sich in einem Teufelstanz, dessen Bewegungsmotor der bekannte Satz „...und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag`ich Dir den Schädel ein.....“ ist. Diesem „Veitstanz“ sollten Gläubige die den Sinn und Kern ihrer Religion erkannt haben, entgegensteuern - Baha`i ebenso wie Nicht-Baha`i. Interreligiöse Foren erbringen den Beweis, das es durchaus möglich ist, das Gläubige verschiedenster Religionen und Philosophen verschiedenster Stilrichtungen durchaus dazu in der Lage sind, sich zugunsten des Ziels einer zusammenwachsenden, friedlichen Welt miteinander auszutauschen. Gleichzeitig zeigen aber „unsere“ Foren auch auf, wieviel Unfrieden nicht nur zwischen den Völkern, sondern sogar innerhalb und zwischen den Mitgliedern der einzelnen Gemeinschaften herrscht. Und obwohl die Ziele der Baha`i-Religion „edel und gut“ sind, gibt es auch Uneinigkeit bis hin zur Ausgrenzung innerhalb der Baha`i.
Ein Beispiel mag dies belegen: Am 25.11.2007 hält Herr Hushmand Sabet einen Vortrag mit dem Thema „Die falsch verstandene Globalisierung“ im Forum Langenhain (Eppsteiner Strasse 89, 65719 Hofheim-Langenhain, Beginn ca. 18.00 Uhr). Der Vortrag interessiert mich, aber ich kann keine 650 km fahren, um mir den Vortrag anzuhören und anschliessend wieder nachts auf die Autobahn jagen, um eben wieder 650 km zurück zu fahren... Also mailte ich das Seketariat des Nationalen Geistigen Rates an und bat darum, mir ggf, eine Textkopie des Vortrages zukommen zulassen. Das Seketariat gab in seiner Antwort an, es sei ihm nicht bekannt, ob Herr Sabet den Vortrag in schriftlicher Form vorliegen hätte. Soweit, so gut - nicht jeder Referent schreibt sein Referat detailliert vorher auf. In zweiten Mail bat ich das Seketariat, mir die Adresse oder e-mail des Referenten mitzuteilen, damit ich ihn persönlich kontaktieren kann. Darauf erhielt ich die Antwort: „....aus Datenschutzgründen können ir Ihrer Bitte nicht entsprechen...“. Formalrechtlich mag das in Ordnung sein; das Seketariat hätte aber auch die Möglichkeit, meine Anfrage direkt an Herrn Sabet weiterzuleiten. Da ich aber zu den „ungehörigen Baha`i“ gehöre, die die Mitglieder ihres Nationalen Geistigen Rates nicht wie eine „Instanz der Heiligkeit“ verehren, sondern der Denkart eben dieser Mitglieder sehr kritisch gegenüber stehe, zog sich die Seketariatsabteilung eben dieses Nationalen Rates auf eine formalistische Ebene zurück, um eine einfache Bitte abzuschmettern.... Da muss man sich doch fragen, ob dies eine Umgehensweise unter Beachtung „grösstmöglicher Liebe und Achtung“ ist.....
Nun lesen und hören wir Baha`i immer wieder, dass unsere Instutionen, unsere Gremien und nicht zuletzt wir selbst noch in den „Kinderschuhen des geistigen Wachstum“ stecken - eine Ansicht, die ich im Übrigen selbst bei der Beantwortung kritischer Anfragen zum Baha`i-Glauben immer wieder vertrete. Allerdings können wir kaum geistig wachsen, wenn wir solche kindischen Fehler einfach so hinnehmen (daher auch der Grund für diese Veröffentlichung...).Nun ist mir durchaus bewusst, dass die derzeitigen Mitglieder des Nationalen Geistigen Rates ebensowenig wie die Mitglieder der örtlichen Räte oder des internationalen Rates „auf ewig“ gewählt sind. Andere gewählte Räte zu späteren Zeiten können die Beschlüsse der gegenwärtigen Räte kippen, abändern, und somit für mehr Fairness und Offenheit im Umgang miteinander beitragen. Von daher kann ich die Kränkung der Missachtung meines Anliegens auch ziemlich leicht wegstecken - allerdings: Wenn bei einem solch kleinen Anliegen schon solche Hindernisklippen aufgebaut werden, wie soll das dann erst im Bereich des Umgangs mit den „konkurrierenden“ anderen Baha`i-Bewegungen aussehen? Wenn man den Einzelnen schon bei Kleinigkeiten „vor den Köpf stösst“, wie sieht das dann erst bei einem solch`komplexen und schwierigen Thema wie den „ortodoxen- und Reform“-Baha`i aus?
girl - 06.12.2007, 08:48
Hiho Tom,
Ablehnung ist wie ein Resonanzkörper - sie bringt uns das entgegen was wir in sie hinein versuchten zu infiltrierten. Ablehnung ist die Wirkung einer anderen Meinung/Sichtweise die es zu akzeptieren gilt - die Ursache, das andere Denkmuster, was auch wir zu akzeptieren und zu tolerieren haben. Tuen wir das nicht und lehnen uns etwa auf, entsteht die Ablehnung im eigentlichen - auf beider Seiten.
Akzeptiere ich den Geächteten nicht, toleriere ich ihn nicht - mache ich mich selbst zu einem Geächtetem... aus seiner Sicht der Dinge. Wie wir es auch drehen und wenden: beides zusammen ergibt nur ein Ganzes.
Akzeptiere und toleriere, aber gehe DEINEN Weg - DEINE IDEE, denn sie gehört allen - auch denen die sie nicht haben wollen, nicht dem Einzelnem allein.
Das Patent des Lebens haben wir nicht - wir dürfen es nur nutzen.. in einem Maße, welches wir uns selbst aussuchen dürfen.
Lieben Gruss
Mit folgendem Code, können Sie den Beitrag ganz bequem auf ihrer Homepage verlinken